Gedanken … Teil 1 von …

Seitdem ich mal für die Städtischen Bibliotheken ein Gutachten schrieb über das Thema Integration, wofür wir Konzepte über Konzepte verfassen und was wir so oft Herausforderung nennen, trage ich mich mit dem Gedanken, dazu selbst auch ein paar kluge Sätze loszuwerden. Und ich mach das jetzt einfach mal.

Integration ist Alltag. Sozialer Alltag. Bestandteil der Differenzierung sozialer Systeme, die leben. Sich jeden Tag verändern, so wie wir. Ob wir das nun glauben oder nicht.

Leider ist der Begriff Integration dermaßen politisch überfrachtet, dass eine nüchterne und soziologisch halbwegs fundierte Betrachtung kaum noch möglich zu sein scheint. Integration – ein wunderbares Beispiel für die Dilemmata einer freiheitlich demokratischen Grundordnung. Wetten? Kompliziert? Zu große Herausforderung? Ein wenig mehr Gelassenheit täte uns gut, ein klein bisschen weniger Aufgeregtheit in der Debatte. Den Blich wieder aufs wesentliche richten.

Fangen wir mal mit den ganz einfachen Sachen an (zu den komplizierten kommen wir später noch).

Ein Kind wird geboren. Aus einem Paar wird eine Familie, aus einer Familie mit einem Kind wird eine Familie mit zwei Kindern und so weiter und so fort. Sind wir uns bewusst was da alles passiert? Ja, das ist ein Integrationsprozess!

Ich lasse mal ein wenig Platz zum Durchdenken. Wer Geschwister hat wird sich erinnern: in die Freude mischt sich Eifersucht. Erstgeborene müssen auf einmal teilen. Die Liebe der Eltern, die Aufmerksamkeit, die Zeit, später das Spielzeug. Für Geschwisterkinder ist das verdammt schwer – und meistens hat man sie nicht gefragt – und wenn dann nur rhetorisch.

Die Beziehung der Eltern verändert sich, die gewohnte bisherige Ordnung wird schon sehr durcheinander gebracht. Das ist hier kein Elternvorbereitungskurs, also will ich das Thema nicht weiter ausdehnen. Sicher aber würde niemand in Zweifel ziehen, dass dies alle Betreffenden verändert.

Anderes Beispiel: Ein neuer Schüler kommt in eine Klasse. Der Schüler wird die ganze Klasse verändern und sie ihn.

Oder eine WG.

Wieder Denkpause für die Frage: Was braucht es, damit man bei diesen Beispielen von „gelingender Integration“ sprechen kann?

Spielplatzbeobachtungen

Zugegeben, auf einem Spielplatz habe ich nicht mehr wirklich etwas verloren. Nicht mehr und noch nicht, genauer gesagt. Dennoch saß ich heute auf einem solchen, in Prerow. Anlass war mein lädiertes Knie, was zu einer Pause zwang. Ein bisschen in die Sonne setzen und an nichts denken. Dachte ich. Vor uns ein Spielplatz, pädagogisch wertvoll. Eine nicht mehr ganz junge Mutti – ich schätze sie auf Anfang 30 – saß da und beobachtete die mehr als deutliche Rangelei von zwei Kindern. Ein Mädchen, vielleicht 6, saß auf so einem dieser Wippepferdchen und ein kleiner Junge von etwa vier Jahren war etwas ungeduldig und der Meinung, sie müsse da sofort verschwinden, weil er schaukeln wollte. Das ging eine ganze Weile so. Beide Kinder hatten nichts gewonnen. Das Mädchen kam nicht zum Schaukeln. Der Junge nicht zum Ziel. Die junge Frau schaute ein paar Mal zu uns. „Seid Ihr die Eltern des Mädchens?“ „Nö, Unsere sind schon etwas größer“ beeilte ich mich zu sagen.

„Naja“ versuchte sie ihre Frage zu erklären, „manche Eltern haben etwas dagegen, wenn Kinder so etwas unter sich ausmachen“. Dieses „Unter sich“ – also die Rangelei ums Schaukelpferd – war inzwischen weitergegangen. Ohne ein Ergebnis. Anders gesagt, stand der Sieger noch nicht fest. „Ihr habt das ja alles schon durch“ meinte sie. „Ja.“ Sagte mein Mann. „Und nun beobachtet man die Spielplatzszenen mit ein wenig SChadenfreude?“ Versuchte sie einen Scherz. „Nein, nicht Schadenfreude. Ich wundere mich nur manchmal“ sagte ich eher zu mir.

Der kleine Junge hatte inzwischen gesiegt. Das Mädchen hatte nachgegeben und ihn auf das Schaukelpferd gelassen. Keine zwei Minuten später stieg der Junge vom Spielgerät und trat seine kleine Schwester, nicht einmal ein Jahr alt, gegen den Kopf. Offenbar störte ihn nun die Aufmerksamkeit der Muter, die dem Baby galt. „Das gefällt mir aber gar nicht“ sagte der Vater des Jungen in einem für mich angesichts dessen, was da passiert war, Ton, der fast wie eine Karrikatur klang.

Was hat der kleine Junge nun heute wohl gelernt …

Nun ist das eine kleine Begebenheit. Nicht von Belang? Ich denke doch.

Warum ich das schreibe … Weil ich glaube – aus meiner Erfahrung und dem was ich in den vielen Semestern Geisteswissenschaften gelernt habe – dass Ethik und Moral nichts ist was wir als Selbstverständlichkeit nehmen dürfen. Menschlichkeit muss gelernt werden. Wir sind nicht gut von Natur aus. Wir müssen das gut sein lernen. Lernen, dass es Regeln geben muss damit eine Gesellschaft menschlich sein kann. Dass Freiheit und Demokratie Regeln braucht.

EIGENTLICH

wollte ich ja eine schöne Replik auf einen Beitrag in einer Dresdner Tageszeitung schreiben, der sich mit dem Thema auseinandersetzt, was Stolz und Dankbarkeit miteinander zu tun haben und wo beide NICHTS miteinander zu tun haben. Und über Demut. Die sehr wohl und immer etwas mit Dankbarkeit zu tun hat. Nicht immer mit Stolz. Oder vielleicht das Gegenteil ist. Und darüber, dass der Stolz, zu einer bestimmten Gruppe dazu zu gehören, nichts anderes ist als ein Bestandteil des Klebstoffes, der soziale Gruppen zusammenhält. Es geht dabei nämlich um Abgrenzung.

Erstens kommt es aber immer anders und zweitens als man denkt. So schreibe ich erstmal was zu Kommunikation. Das passt aber auch sehr gut. Eigentlich sollte ich der Frage nachgehen, ob „Kommunikation“ mit einem Chatbot „wirklich“ Kommunikation ist. Wobei der geneigte Leser (nein, ich genderkorrigiere jetzt nicht) über die Gänsefüsschen beim „wirklich“ stolpern dürfte. Was ist denn nun „wirklich“ Kommunikation – dieses Dingens woraus sich soziale Systeme zusammensetzen…

Von Füchsen und Raben

Fünf. Fünf schwarze Raben habe ich bei mir im Büro. Als Zeichnungen, schwarz gerahmt. Und das freiwillig. Ich mag Raben. Es gab einmal einen Raben auf einem Bild mit einem schwarzen Rahmen, der hing an einer wenig beleuchteten Wand. Und irgendwie hatten einige Menschen sogar Angst vor ihm. Stimmt schon. Besonders fröhlich sah er nicht aus. Aber wer macht sich schon Gedanken um so ein Bild oder schaut genauer hin. Er sollte dann endlich einem anderem, helleren und bunterem Kunstwerk weichen, über Geschmack lässt sich trefflich streiten, jedenfalls stand der Rabe dann hinter einer Tür. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich die Aufregung um diesen Raben eher belächelt, aber das war mir dann doch zu viel. Was kann der Rabe für den Geschmack der Menschen? Ich missachtete, fürchtete ich, ein paar der geltenden Spielregeln, aber am Ende hing dieser Rabe dann in meinem damaligen Büro. Und siehe das, auf einmal kamen Leute zu mir, nur im sich den Raben mal im Licht anzusehen.

Dass er eine Ledertasche trug mit einem grünen Schößlig, auf den Trümmern rauchender Fabrikschlote stand und Reste von Stromleitungen im Schnabel hatte, das war bis dahin kaum jemandem aufgefallen. Das war mir auch weniger wichtig, er schaute einfach nicht mehr ganz so traurig, Ernst, das ja.

Der Rabe blieb an der Wand, sicherlich hängt er da noch, hoffe ich jedenfalls. Mitgenommen habe ich die Sympathie für Raben, die so gar nicht hinterhältig und gemein sind, Klug, das sind sie. Früher mochte ich diese schwarzen Tiere so gar nicht, ein wenig unheimlich waren sie mir schon auch, so in echt.

Und was ist nun mit dem Fuchs? Füchse mag ich genauso. Weil auch sie so verkannt werden.

 

Ich brauche einen Frosch

Zum Aufhängen. Nein. Keinen echten natürlich. Sondern so ein Plüschviech.

Irgendwann vor langer langer Zeit, muss in einem anderen Leben gewesen sein, hatte ich eine Kollegin, an deren Tür hing so ein Tier manchmal. Und alle wussten, das hieß: Lasst die Tür in Ruh und bleibt draußen. Störungsfreie Arbeitszeit nannte sie das.
Darüber wurde trefflich gelästert. Wo es denn sowas gäbe und so weiter. Nicht das mit dem Frosch, sondern das mit der „störungsfreien Arbeitszeit“ (mit spitzer Betonung auf „Stör“). Ihr gegenüber traute sich das keiner offen zu sagen (was ich nie so richtig verstanden habe).

Meistens lästern Menschen wenn sie andere nicht verstehen können oder wollen. Ich denke manchmal an diesen Frosch. Weil ich ihn nicht brauche, sondern weiß, ich brauche nur den Kopf aus der Tür zu stecken und zu sagen: Ich bin nicht da. Und schon bewachen zwei ganz liebe, fleißige und erfahrene und geduldige (und das mit einen großen Ausrufezeichen) Menschen. Die ich immer stören darf, die nie genervt gucken, egal ob ich sie gerade aus einer Arbeit herausreiße wenn es wieder mal heißt … Frau Langer oder Frau Tauber, ich hätte mal eine Bitte …

Danke dafür, dass ich keinen Frosch brauche.

Und wieder hat sich die Welt ein Stückchen weiter gedreht. Ein Jahreswechsel ist kein Ende und kein Anfang. Aber ein Moment zum Innehalten, zum Zurückschauen. Auf ein völlig verrücktes Jahr. Pynchon im Zeitraffer, Lebenserfahrung im Schnellverfahren. Und ein Ankommen.

„Das wird deutlich, wenn man Protestbewegungen als autopoietische Systeme eigener Art versteht und den Protest als ihr katalysierendes Element. Der ein Thema herausgreifende Protest ist ihre Erfindung, ihre Konstruktion. … Gegen Komplexität kann man nicht protestieren. Um protestieren zu können, muß man deshalb die Verhältnisse plattschlagen. Dazu dienen die Schemata und vor allem die Skripts, die sich in der öffentlichen Meinung mit Hilfe der Massenmedien durchsetzen lassen. … Der Protest inszeniert „Pseudo-Ereignisse“, das heißt: Ereignisse, die von vornherein für Berichterstattung produziert sind und gar nicht stattfinden würden, wenn es die Massenmedien nicht gäbe. … Schon in der Planung ihrer eigenen Aktivitäten stellen die Bewegungen sich auf die Berichtsbereitschaft der Massenmedien und auf Televisibilität ein. … Widerstand gegen etwas – das ist ihre Art, Realität zu konstruieren. … Nichts spricht dafür, daß die Protestbewegungen die Umwelt, seien es die Individuen, seien es die ökologischen Bedingungen besser kennen oder richtiger beurteilen als andere Systeme der Gesellschaft.“ Niklas Luhmann. Die Gesellschaft der Gesellschaft

„In einer langen Geschichte hatte die Beschreibung des sozialen Lebens der Menschen (man kann für ältere Zeiten nicht ohne Vorbehalte von „Gesellschaft“ sprechen) sich an Ideen orientiert, denen die vorgefundene Wirklichkeit nicht genügte. Das galt für die alteuropäische Tradition mit ihrem Ethos der natürlichen Perfektion des Menschen und mit ihrer Bemühung um Erziehung und um Vergebung der Sünden. Es gilt aber auch noch für das moderne Europa, gilt für die Aufklärung und für ihre Doppelgottheit Vernunft und Kritik. Noch in diesem Jahrhundert wird dies Bewusstsein des Ungenügens wachgehalten und mit der Idee der Moderne verknüpft. Inzwischen hat sich jedoch der Sinn für Probleme aus den Ideen in die Realität selbst verschoben – und jetzt erst ist die Soziologie gefordert“.
Luhmann, Niklas (1997): Die Gesellschaft der Gesellschaft

Die Versuchung der Gewissheit

„Wir neigen dazu, ion einer Welt von Gewissheit, von unbestreitbarer Stichhaltigkeit der Wahrnehmung zu leben, in der unsere Überzeugungen beweisen, dass die Dinge nur so sind, wie wir sie sehen, Was uns gewiss erscheint, kann keine Alternative haben. In unserem Alltag, unter unseren kulturellen Bedingungen, ist dies die üblichen Art, Mensch zu sein.“

Maturana, Der Baum der Erkenntnis.

 

Planbarkeit …

„Unbestimmbare Komplexität möglicher Ereignisse ist nämlich nicht nur die Folge mangelnder Zukunftsplanung, sondern in anderem Sinne auch die Folge des Ausmaßes instrumenteller Planung. Mit der weit vorgreifenden, über lange und kompliziert verflochtene Ketten von Ursachen und Wirkungen projektierten, viele Parameter und viele Handlungen verschiedener Menschen einbeziehenden Planungen nehmen die Möglichkeiten der Zukunft nämlich nicht ab, soncern zu (!). Für den einzelnen entsteht dann gerade aus solcher geplanten Komplexität eine neue Art von Unsicherheit.“

Niklas Luhmann: Vertrauen. Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität (19)