Verzeihung. Ich habe mich verwählt.

Sorry für den Aufwand. Wir hatten gedacht, Sie sind aufs Regieren vorbereitet. Wir hatten gedacht, Ihr Ziel sei das Regieren. Wir dachten, Sie wüssten, dass Kompromisse zur Politik gehören. Wir dachten, Sie wüssten, dass wir wissen, dass Wahlprogramme nie vollumfänglich umgesetzt werden können und Kompromisse notwendig sind. Wir wussten nicht, dass wir strategisch wählen sollten. Sonst hätten wir um eine Verlängerung der Beratungsfrist gebeten mit unseren Mitwählern. Wir wussten nicht, dass Sie von uns eine Koalitionswahl erwartet haben. Wir waren so einfältig, die Partei zu wählen von der wir glauben, dass sie für dieses Land Verantwortung übernehmen soll und in der Lage ist. Wir dachten, Sie nähmen uns ernst. Und sich selber und unsere Demokratie auch.  Wir haben nicht vorausgesehen, dass Sie auf andere Mehrheiten nicht vorbereitet waren. Wir haben uns verwählt. Sorry für die Umstände. Wir werden uns beim nächsten Mal zusammenreissen und Ihnen gern das richtige Wahlergebnis liefern. Wenn Sie uns bitte vorher sagen, welches!

Ironie aus. Mittlerweile ist man ja fast geneigt, auf Neuwahlen zu hoffen in Vorfreude auf die – entschuldigung – dämlichen Gesichter hinterher wenn sich heraustellt, das Ergebnis ist nicht viel anders. Und das wird wohl so sein. Spinnen wir doch mal, es gäbe eine Neuwahl. Da hilft der Blick aufs Wahlergebnis von September:

Wahlbeteiligung von 76,2 Prozent (2013: 71,5 Prozent)

CDU Christlich Demokratische Union Deutschlands 26,8 % (2013: 34,1 %)
SPD Sozialdemokratische Partei Deutschlands 20,5 % (2013: 25,7 %)
AfD Alternative für Deutschland 12,6 % (2013: 4,7 %)
FDP Freie Demokratische Partei 10,7 % (2013: 4,8 %)
DIE LINKE DIE LINKE 9,2 % (2013: 8,6 %)
GRÜNE BÜNDNIS 90/GRÜNE 8,9 % (2013: 8,4 %)
CSU Christlich-Soziale Union in Bayern e.V 6,2 % (2013: 7,4 %)
Sonstige 5,0 % (2013: 6,2 %)

An der fehlenden Wahlbeteiligung lag es also erst einmal nicht. Um zur Wahl zu gehen, braucht es eine Motivation. Die war offenbar da. Die Gewählten einigen sich nicht, der Wähler muss nochmal ran. Signal an Wähler: „Es lag an Euch.“ Da fragt sich vielleicht ein Teil der Wähler: Nochmal? Wozu? Man kann sicherlich mal recherchieren wie die Beteiligung bei Neuwahlen oder zweiten Wahlgängen so in der Regel ist.

Die kurze Zeit für Neuwahlen lässt weder Zeit für neue Wahl- oder Parteiprogramme (größere Änderungen würde sowieso keiner glauben) oder langwierige Kandidatensuchen und -aufstellungen.. Es ändern sich also werder Inhalte noch Personen. Kein Anlass, die Wahlentscheidung, die man im September getroffen hat als Wähler dieser Parteien, ein paar Wochen später anders zu treffen.

These 1: Die Wahlbeteiligung geht runter.

Ein schlechteres Wahlergebnis im Vergleich zu 2013 hatte die SPD und die CDU. Interpretiert mit „Groko abgewählt, Wähler will andere Mehrheiten.“ Nun, die sind da, genützt hat es nichts. Zwar hat die FDP hinzu gewonnen – aber auch mit einem Wahlkampf der die „Macherpartei“ verkauft hat. Nicht die Ideologen. Und nun sagt die FDP: Uns sind Überzeugungen wichtig. Das wird vielleicht beim einen oder anderen Wechswähler die Frage aufwerfen, wähle ich die FDP nochmal? Oder zeigen sie sich solidarisch und gehen zurück zu Grünen und CDU und SPD.

These 2: Verlierer bei einer Neuwahl ist die FDP

Die anderen Verhandlungspartner haben sich auch bewegt. Und das in Größenordnungen, die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit im Erfolgsfall Einigung für Nachfragen und Ärger auf Mitgliederversammlungen gesorgt hätten. Darauf schaut keiner mehr, es werden sich die Reihen schließen. Bei SPD; Grünen und der CDU (und hier wird vielleicht sogar der eine oder andere Streit begraben).

These 3: CDU, SPD und Grüne werden gewinnen (allerdings nicht so dass es neue „klare“ Mehrheiten gibt. Auch nicht für RRG.

These 4: Die Linke hat ihre Wählerschaft, mehr kann sie nicht mobilisieren, Protestwähler hat sie schon verloren, dazu werden auch die offen ausgetragenen innerparteilichen Querelen und Richtungsstreits beitragen.

Und die AFD? Da neige ich fast zu einer ganz gewagten These, für die es sich fast richtig lohnt, auf Neuwahlen zu hoffen. Die Wählerschaft der AFD setzt sich zusammen aus „Überzeugungstätern“ und aus Unzufriedenen und Protestwählern, die es „denen da oben“ endlich mal zeigen wollen. Nun hat die AFD insbesondere im Osten bewiesen, wie sehr sie ganz genau die Machtspielchen spielt, die sie anderen vorwirft. Eine Frauke Petry zieht nicht mehr. In Dresden werden die Direktwahlkreise nicht mehr so knapp ausgehen.

Was wäre wenn die AFD Protestwähler verliert und nur noch der rechte harte Wählerkern verbleibt? Wäre dann der Osten immer noch blauer?

Es bleibt spannend. Und – sorry für die Umstände. Ein Wähler.

Spannende Zeiten …

Abbruch der Verhandlungen. Das Statement ist lang und ausführlich, der Kern des Pudels liegt wohl in den folgenden Sätzen: „Es hat sich gezeigt, dass die vier Gesprächspartner keine gemeinsame Vorstellung von der Modernisierung unseres Landes und vor allen Dingen keine gemeinsame Vertrauensbasis entwickeln konnten. Eine Vertrauensbasis und eine gemeinsam geteilte Idee, sie wären aber die Voraussetzung für stabiles Regieren. “ http://www.spiegel.de/politik/deutschland/christian-lindner-zum-ende-der-jamaika-verhandlungen-erklaerung-im-wortlaut-a-1179251.html

  • keine gemeinsame Vorstellung
  • keine Vertrauensbasis

Das trifft wohl nicht nur auf die verhinderten Koalitonäre zu sondern ist symptomatisch für Deutsche Zustände 2017. Es gibt kein Vertrauen mehr und es gibt keine gemeinsame Vorstellung davon, wie dieses unser Land aussehen soll. Wir können darauf warten auf inflationäre Kommentierungen und Schuldzuweisungen. Es wird sich alles auf die FDP einschießen. Es lenkt aber ab von Grundproblem. Die Verhandlungen waren begleitet oder dominiert von ganz anderen Themen, die nichts mit der Entwicklung einer gemeinsamen Vorstellung zu tun hatten sondern eher mit innerparteilichen Machtkämpfen. Und natürlich stehen – das ist vielleicht ein Unterschied zu früheren Verhandlungen – die Verhandler unter einem stärkeren Erwartungsdruck der Parteibasis. Irgendwann müssen sich Verhandler auch gegenseitig die Frage gefallen lassen, wie viel Wert hat Dein Wort eigenlich – wenn zum Beispiel öffentlich dann eine gerade geäußerte Option wieder verrissen wird.

Sei es drum. Ein schwarzer Montag. Weiter bringt das nicht und ich verstehe weder die FDPler, die jetzt in Jubel ausbrechen noch verstehe ich eine Frau Kipping, die nichts anderes zu tun hat als nächtens das Ende der Merkel-Ära zu prophezeien. Irgendwas hat die Katja da nicht verstanden. Es gibt nämlich keine „schweigende linke Mehrheit“ in diesem Land. Mag sein dass sie meint, ein Großteil der CDU-Wähler hat wegen Frau Merkel das Kreuz da gesetzt. Kann gut sein, aber die werden kaum  – spielen wir mal gedanklich das Szenario durch, Frau Merkel tritt ab – bei der nächsten Wahl die Linke wählen. Ein bisschen Sozialpsychologie und weniger Ideologie ist hilfreich. Und ein wenig Logik. Warum? Ganz einfach:

1. Die Wahlbeteiligung war hoch.

2. haben wir nun gehört, die Positionen schon innerhalb Jamaika zu weit auseinander für Kompromisse

Man kann davon ausgehen, dass die Linke noch weiter weg ist von diesen Inhalten. Wieso also sollten Wähler nun auf einmal so viel anders wählen? Es ist ja nun  nicht so, dass in der Wahlkabine ein Farbenwürfel liegt, die Wähler wählen ja die Inhalte! (Oder?)

Neuwahlen. So schnell geht das nicht und wie schon einmal die Frage wieder: Was, glauben die Neuwahl-Forderer – sollen Neuwahlen bringen?  Es müssten sich doch die Mehrheiten merklich ändern. Dass es da Hoffnungen gibt ist zwar vorstellbar, aber wie realistisch sind sie denn? Wenn die Sondierungen etwas gebracht haben, dann einen neuerlichen Vertrauensverlust. Warum soll der Wähler noch wählen gehen? Glaubt ernsthaft jemand, dass bei der doch hohen Wahlbeteiligung eine größere Wählerwanderung stattfindet und wenn ja woher und wohin? Oder das Nichtwähler auf einmal zur Urne schreiten? Die, die bisher von keiner der Parteien erreicht wurden? Das ist naiv. Und unsinnig, „Angst vor Neuwahlen“ denjenigen vorzuwerfen, die den Abbruch der Sondierungen kritisieren, wie Frau Beer es tut.

Am weitesten scheinen sich die Grünen bewegt zu haben. Und vermutlich werden – da ja die FDP sich aus dem Spiel ausgeklinkt hat, die Mitglieder ihnen das goutieren und die Aufregung über „atmende Deckel“ vergessen. Die SPD steckt noch voll in  der Selbstfindungstherapie. Die Linke hat den Streit der Königinnen noch nicht beendet. Und die CDU-CSU? Es passieren so viele schräge Sachen in letzter Zeit, vielleicht stellen sie ja Herrn Söder als Kanzlerkandidaten auf. Dann übernimmt Frau Aigner Bayern. An Wahlergebnissen aber dürfte es kaum etwas ändern.

 

So rassistisch und sexistisch äußern sich Profs an deutschen Unis

So rassistisch und sexistisch äußern sich Profs an deutschen Unis

Aufschrei. Aufschrei? Woher kommt eigentlich der Glaube, die Überzeugung, Erwartung, Hoffnung, dass Professoren an Universitäten anders sind als der Rest der Welt? Wer glaubt, dass Bildungsnähe, wirtschaftliche Absicherung, die Ermangelung von Existenzängsten aufgrund eines ziemlich komfortablen sozialen Status die Menschen „besser“ macht – der hat irgendwas nicht ganz verstanden. Und Heitmeyer nicht gelesen.  Dieser Irrglaube ist nicht nur naiv, er ist gefährlich. Verdammt gefährlich. „Wir sprechen in dem Zusammenhang von einer „rohen Bürgerlichkeit“. Es ist die Verachtung derer, die sich selbst als Leistungsträger erheben wollen. “ Quelle: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-82995572.html

oder auch: „“Diese rohe Bürgerlichkeit lässt sich in ihrer Selbstgewissheit nicht stören: Die Würde bestimmter Menschen und die Gleichwertigkeit von Gruppen sind antastbar:“ http://www.deutschlandfunk.de/wo-sich-die-rohe-buergerlichkeit-zeigt.1310.de.html?dram:article_id=194532

10 Jahre hat Heitmeyer und seine Forschergruppe die „Deutschen Zustände“ untersucht. Die Befunde zeigen: Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit grundsätzlich ist nicht das Privileg irgendeiner ungebildeten Unterschicht. Ganz und gar nicht.  Was sind die Deutschen Zustände? Lassen wir die Frage Herrn Heitmeyer selbst beantworten:  „Es war die größte und am längsten laufende Untersuchung zu dem, was wir gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit nennen. Dabei geraten bestimmte Menschen allein aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit in den Fokus von Abwertung, Diskriminierung und Gewalt – unabhängig von ihrem individuellen Verhalten. Wir konnten langfristige Entwicklungen aufzeigen. Es wäre angesichts der heutigen Lage wichtig weiterzumachen. Ich hoffe daher, dass mein Nachfolger Andreas Zick die erforderliche Unterstützung erhält, um weiter arbeiten zu können. Das Ausmaß von Vorurteilen, Abwertungen, Diskriminierungen und Gewalt ist keine Naturkonstante, sondern abhängig von gesellschaftlichen Verhältnissen. Deshalb sind Langzeituntersuchungen so wichtig. Sie sind aber auch rar. Was für mich die Frage aufwirft, ob diese Gesellschaft – ob ihre Interessengruppen, Eliten, Medien und politischen Institutionen – das überhaupt wissen wollen. – Quelle: https://www.berliner-zeitung.de/24954352 ©2017

In diesem Zusammenhang – Integration. Was ist eigentlich Integration, auch hier liefert Herr Heitmeyer ein treffendes und klares Bild:

„In unserem Verständnis geht es erstens darum, ob jemand Zugang zu den Funktionssystemen wie z. B. Arbeit hat und dadurch Anerkennung erwerben und genießen kann. Zweitens stellt sich die Frage, ob man als Einzelner oder als Gruppe bei öffentlichen Angelegenheiten eine Stimme hat und wahrgenommen wird, denn dadurch entsteht moralische Anerkennung als Bürger. Drittens geht es um die Anerkennung der individuellen Integrität und die der eigenen Gruppe, um dadurch emotionale Anerkennung und Zugehörigkeit zum Gemeinwesen zu entwickeln. Unsere Untersuchungen zeigen sehr deutlich: Überall, wo es massive Anerkennungsdefizite gibt, kommt es zu Abwendungen oder Rückzügen. Wer sich in seinen Umgebungen nicht anerkannt fühlt, wendet sich jenen zu, in denen es Anerkennungsquellen gibt. Das können Gruppen sein, die gesellschaftlich nicht anerkannt sind. Der Einzelne findet dann wenigstens in dieser Gruppe seine Anerkennung – und sei es mit Gewalt. Eine solche Anerkennung ist dann immer noch mehr wert als gar keine. Man muss das immer betonen, und ich tue das seit Langem: Man darf den Begriff Integration nicht reservieren für Migranten und jetzt Flüchtlinge. Auch viele der sogenannten seit Generationen hier lebenden Deutschen sind nicht integriert, insbesondere was die Anerkennungsgefühle und –erfahrungen angeht.“– Quelle: https://www.berliner-zeitung.de/24954352 ©2017

Man kann sich jetzt also über die Professoren aufregen. Und morgen findet vielleicht jemand heraus, Studenten sind nicht besser. Oder aber – wir schauen mal auf die Deutschen Zustände und WOLLEN wissen. Und uns nicht nur empören. Das hilft nämlich ganz und gar nichts.
Vielleicht – aber nur vielleicht – helfen die momentanen Empörungswellen aber einmal darüber nachzudenken, ob unsere „Eliten“ wirklich welche sind. Eine Elite, die sich über andere erhebt. Gesamtgesellschaftlich gesehen schwierig.

 

Was solls?

Die DNN berichten heute über die „bedingte Einsatzbereitschaft“ des Kreiselternrats. Unsinnige Überschrift, aber das ist noch das geringste Problem. Bei Twitter ist die kurze Zusammenfassung „der Kreiselternrat hat sich beim Führungwechsel verheddert“ viel treffender. Es ist leider ein typischer Blasenartikel. Es fehlen die zum Verständnis nötigen Hintergrundinformationen – und die wären notwendig gewesen um das einzuordnen, was da als kompliziert oder turbulent bezeichnet wird und die zeigen – verheddern ist tatsächlich ein Volltreffer.

Worüber reden wir eigentlich beim Kreiselternrat (und das sind die Informationen, die die eine gute Recherche und ein sachlicher informativer Artikel hätte liefern müssen (wenigstens als „Kasten“). „Was solls?“ weiterlesen

Umfragen

„Haben Sie Zeit für ein paar Fragen?“ Telefonumfrage. Es geht: Um Medien. Mediennutzung, den öffentlich rechtlichen Rundfunk, Vetrauen und Glaubwürdigkeit. Vielleicht sollte man besser die Teilnahme an Umfragen ablehnen wenn man mal studiert hat, wie Sozialforschung funktioniert. MAn weiß bei jeder Frage was sie soll, wartet auf die Kontrollfragen …

Vertrauen. Wie viel Vertrauen habe ich in die Medien. In die privaten, in die öffentlich rechtlichen, ARD, ZDF, MDR, meine regionale Zeitung. in Instiutionen, in die öffentliche Verwaltung, zu Politikern.

Ich durfte mal den DNN-Fragebogen beantworten. Eine Frage war dabei die nach meinem Vorbild in der Politik. Ich habe sinngemäß gesagt, ich hätte keines – weil Politik immer etwas mit Macht zu tun hat und Menschen dafür anfällig sind.

Wie viel Vertrauen? Nun – nicht Vertrauen ist nicht gleich Misstrauen. Sondern: „Umfragen“ weiterlesen

Die schwarze Ampel

Jamaika. Kommt sie nun, diese Koalition oder kommt sie nicht. Münden die Sondierungen in einem Ergebnis oder münden sie nicht. Fakt ist, die Wahl hat Akteure zur Zusammenarbeit verdonnert, die normalerweise nicht zusammenpassen dürfen, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Oder so. Zumindest klingt das in einigen Äußerungen mehr oder weniger promin- und kompetenter Parteivertreter so. In Koalitionen verlieren immer welche. Meistens die kleinen Partner. Um der Vernunft oder des Machterhalts willen – je nach dem – werden zuvor vehement vertretene Positionen verlassen, aufgegeben, man rückt von ihnen ab. Sich zu profilieren, klare Positionen zu vertreten, das erwartet man. So irgendwie. Nur manchmal nehmen die Wähler die Parteien in die Verantwortung. Jeder Wähler seine, das ist das blöde daran. Obwohl eigentlich klar sein müsste, in einer Demokratie muss es immer Kompromisse geben, weil es nicht „die eine einzig wahre Wahrheit“ gibt. Weil niemand immer nur Recht hat oder weiß was richtig ist. „Die schwarze Ampel“ weiterlesen

Entweder oder nicht

Das Bundesverfassungsgericht hat es nun gefordert, das dritte Geschlecht im Geburtenregister. Heikles Thema, die meisten der Debatten darum sind ziemlich unsachlich. Es wird gelästert, gemeckert, sich abgewandt, manchmal sogar angewidert. Es geht da aber immer irgendwie über Unisex-Toiletten oder ähnliche Unwichtigkeiten.

Ich bin mir nicht ganz sicher ob die Dimension dessen, was da entschieden wurde, so ganz klar ist. Was  ist zum Beispiel mit den gerade im Bereich Bildung lang erkämpften Maßnahmen zur besonderen Förderung von in der Schule benachteiligten Jungen, der Forderung, endlich „mehr Männer“ in Kitas und Grundschulen zu bringen, den Girls-Days und der Frage, wie man Mädchen zu mehr Selbstvertrauen beim Kopfrechnen verhilft? Das Geschlecht ist ein soziales Konstrukt. In Ordnung. Also weg von dieser Dichotomie. (Ich habe als Bildungswissensschaftler noch keine Idee wie eine angemessene und an den Bedürfnissen der Kinder orientierte Förderung aussehen kann – denn sie dann als Mädchen oder Jungs zu „behandeln“ wäre grundfalsch.)

So vieles machen wir am Geschlecht fest. Geschlechtsspezifische Besondereiten als Potential. Da wird dann die Biologie oder die Psychologie als Begründung herangezigen Ich erinnere mich an nicht nur) Fachartikel über „weibliche Führungstugenden“.

Frauen sind bevorzugt aufgefordert, sich zu bewerben. Das ist dann dem dritten Geschlecht gegenüber diskriminierend. Der Girls-Day auch.

Wir sind noch lange nicht in einer Gesellschaft angekommen, in der man von Gleichberechtigung reden kann. Und zwar der der Menschen.  Ich oute mich als Pessimist und finde, wir bewegen uns anstelle hin zu einer inklusiven Gesellschaft weg davon zu einer besonderheitsorientierten Vereinzelungsgesellschaft in der manches aus dem Fokus gerät.

 

Das Maß aller Dinge

An einer Dresdner Schule arbeitet eine Lehrerin, die Marathon läuft. Und zwar offenbar so gut, dass sie am New York Marathon teilgenommen hat. Man könnte das sogar als ein politisches Statement ansehen, Teil einer laufende n Vielfalt ausgerechnet in diesem Land. Vielleicht hat sie sich aber auch nur mal einen Traum verwirklicht. Menschen sollten das dürfen, gut wenn sie die Chance dazu haben – und Lehrer sind eben auch irgendwie Menschen. Also … manchmal.

Eine Meldung in einer Tageszeitung wäre das schon wert geweseen – straft Frau Gottwald doch so einige Lehrerklischees Lügen. Lehrer können was anderes als im Klassenzimmer stehen, sie können sogar richtig gut Sport, sie sind zäh und hartnäckig und sie schaffen sogar einen Flug nach New York. Ironie wieder aus.

Was stand in der Zeitung? Überschrift: „Dürfen Lehrer in der Schulzeit frei machen“. Hintergrund war offenbar eine anonyme (!) Mail einer Mutter, die sich beschwert hat, dass Frau Gottwald an dem Marathon in der nicht unterrichtsfreien Zeit teilgenommen hat. Klar, irgendeiner ist ja schuld am Stundenausfall. Anonyme Müttermails, da fallen mir so ein paar nette Begebenheiten aus meiner Zeit als Kreiselternratsvorsitzende ein. Anonyme Mails lese ich auch heute sehr viel. Der Inbegriff der Feigheit.  Nur – wie wurde diese Mail Thema des Artikels bei dem dann der Frage nachgegangen wurde, dürfen Lehrer nun in der Schulzeit frei machen oder nicht? Fragt eigentlich irgendjemand nach den Urlaubsregeln für Journalisten? Die Fragestellung im Zusammenhang mit dem Unterrichtsausfall zeigt eine erschreckende Unsachlichkeit. Schuld am Stundenausfall sind nicht die Lehrer sondern die Verantwortung dafür trägt – von oben nach unten – das Land Sachsen und dessen nachgeordnete Behörden.  Dürfen Journalisten auch Sinnvolles schreiben – eigentlich? „Das Maß aller Dinge“ weiterlesen

Mission impossible

Ich habe mir da was vorgenommen. Mancheiner weiß das, ich doktere noch an meinem Master herum. Teilzeit ist eben Teilzeit und manchmal sind die eigenen Ansprüche an sich selbst die größte Hürde. Wozu sind Modularbeiten da? Nicht nur für die Note jedenfalls. Glaube ich.

Mit den Jahren habe ich eine Aversion gegen Floskeln entwickelt. Bildungspolitische, sozialpolitische und überhaupt. Inklusion. Alle reden davon. Wissen aber alle worüber sie reden? Nun soll in einem Modul so ein kleines Projekt entwickelt werden. Ein Dingens zum Lernen. Ne Präsi, ein Podcast, Vodcast … Und mangels der Fähigkeit abzuschalten und mal nicht an die Dinge zu denken, die mich nichts angehen, kamen zwei Themen in Anfrage.

Entweder Bourdieu für Kommunalpolitiker (das wäre dann die Relevanz von Bourdieus Millieu- und Habitus- Ansatz für kulturelle Bildung in Kommunen) oder Luhmann für Bildungswissenschaftler.

Nun also, für letzteres habe ich mich entschieden, ersteres mache ich später. Es gibt noch ein Modul gesellschaftlicher Rahmenbedingungen, da lässt sich die Rolle der Kultur noch besser herausarbeiten.

Arbeitstitel:
„Der Begriff Inklusion und Exklusion im Kontext des Erziehungssystems bei Niklas Luhmann“ im Rahmen eines Kurses für das Modul „Gesellschaftliche Rahmenbedingungen“ an der Fernuniversität Hagen.

Die Begriffe der Inklusion bzw. der Exklusion werden zumeist im Zusammenhang einer kritischen Gesellschaftsanalyse verwendet. Die Systemtheorie beschreibt aber  Inklusion/Exklusion nicht normativ.. Es soll gezeigt werden, dass die systemtheoretische Betrachtung einen anderen Blick auf die Gesellschaft zulässt und die Probleme der modernen, funktional differenzierten Gesellschaft anders beschreibt und eine komplexere Beschreibung der Probleme des Erziehungssystems zulässt.

Gerade für Bildungswissenschaftler, die sich mit gesellschaftlichen Rahmenbedingungen befassen und die in ihrem Beruf später an gesellschaftlichen Veränderungen beteiligt sein sollen, also Exklusion (normativ) vermeiden und Inklusion fördern, brauchen ein möglichst komplexes Bild der Thematik. Nun ist die Systemtheorie an sich sehr umfangreich und der Zugang zu dieser Sichtweise soll erleichtert werden. (ein Widerspruch in sich.)

Mission impossible.

Der eine malt, der andere geht joggen …

„Staatsversagen im Denken“

Gelesen in der Wiener Zeitung:

“Am deutlichsten wird diese Haltung der konsequenten Unentschlossenheit, wenn es um unser Verhältnis zum Staat geht, fungiert er doch als Albtraum und Erlöser in Personalunion. Dieselben Personen, die die Freiheitsrechte des Einzelnen durch Überwachung, überbordende Bürokratie und eine tendenziell übergriffige Politik gefährdet sehen, wenden sich fordernd an eben diesen Staat, wenn es um den Weg zu einem glücklicheren, besseren oder gerechteren Leben geht. Jede dieser beiden Positionen ist, für sich genommen, wenigstens in sich schlüssig; gemeinsam vorgetragen sind sie allerdings aufgrund ihrer logischen Inkompatibilität nur schwer ernstzunehmen.

Der Grund dafür liegt mit großer Wahrscheinlichkeit darin, dass Parteipolitik unser Denken über den Staat bestimmt. Oder anders ausgedrückt: Sind die „Richtigen“ am Ruder, kann der Staat gar nicht mächtig genug sein; befördern die Unwägbarkeiten der Demokratie die „Falschen“ an die Regierung, verwandelt sich dieser eben noch wohlwollende Staat in Windeseile in sein Gegenteil.

Dass dieser Staat und seine Institutionen unabhängig und losgelöst von seinen Parteien gedacht werden muss und nicht umgekehrt die Parteien die Natur des Staats bestimmen, diese Erkenntnis ist in diesem Land nach wie vor ein radikales Minderheitenprogramm. Auch diese ernüchternde Erkenntnis gehört zur demnächst hundertjährigen Bilanz unserer Republik. Wir erleben ein Staatsversagen im politischen Denken.“

http://www.wienerzeitung.at

Ein nachdenkenswerter Artikel. Aber die entscheidende Frage ist: kann ein Staat losgelöst von Parteien gedacht werden? Kann nicht immer jede Form der (De)Regulation missbraucht werden? Nicht zu vergessen: es geht immer um Macht. Oder positiver formuliert: um unterschiedliche Interessen, die es durchzusetzen gilt.

Das im Artikel benannte Problem scheint mir aber kein spezifisch österreichisches. Ich kenne das Thema auch aus Dresden. Sehr konkret.