Der Faire Berg

Die faire Tour. Ein wenig Ironie muss sein. Gehört aber auch zur Kategorie „zweiter Blick“. Im Oktober blieb der Weg zum Gipfel durchs Eis und frühen Schnee verwehrt. Im Mai war er frei. Ich nenne ihn übrigens den fairen Berg. Der Aggenstein. Nach diesem Berg ist ein Käse bekannt. Manchmal gibts den auch im Kaufland in Dresden.  Ein feinwürziger Käse, aus echter Heumilch, hergestellt von der Käserei Biedermann im Tannheimer Tal. Das Heu für die Kühe welche dann die Milch für den Käse geben, wächst auf den Wiesen im Tannheimer Tal und die Kühe wohnen da auch. Fair trade 3.0 sozusagen.

Und weil die Kühe nur Heu fressen und kein Silofutter – deswegen Heumilch – muss man als ganz besonders vorsichtig sein beim Überqueren der Wiesen. Als Veganer. Die Tiere sind sensibel und erkennen  jeden Nahrungskonkurennten. Und sie können schon sehr anklagend drein schauen. Ein Futterneider, der die eigene Leistung nicht zu würdigen weiss. Kein Veggi geht da ohne schlechtes Gewissen weg.

Der Aggensteinaufstieg ist übrigens eine sehr schöne Tour.

Nicht ganz einfach, schwindelfrei sollte man sein und halbwegs trittsicher. Aber die größte Gefahr ist nicht die Höhe und die Seilsicherung. Es ist die menschliche Unvernunft. Man ist in den Bergen nicht allein und darauf muss man sich einstellen. Gegenseitige Rücksichtnahme ist da vonnöten. Wie immer im Leben.

 

Aussichten

Urlaub. Zum zweiten Mal am selben Ort. Ich erinnere mich an ein Gespräch in dem sich mein Gesprächspartner recht abfällig über einen gemeinsamen Kollegen äußerte, weil der mit seiner Familie immer im selben Land und auf diesselbe Weise Urlaub macht. Der Gesprächspartner gehört zu der Kategorie Mensch, die Urlaubsorte sammeln und auf einer Weltkarte dann abhaken. Kann man so machen. Urlaub als Statussymbol, als Sammlerstück, ein Hasten durch die Welt ohne sie wirklich kennen zu lernen. Es kommt allerdings drauf an was Urlaub sein soll. Ablenkung und Flucht vor sich selbst oder eine Chance, wieder zu sich selbst zu finden. Man muss nicht jahrelang an den selben Ort fahren. Aber Urlaubsorte sind Zufluchtsorte wenn der Alltag einen zu überrennen droht. Zufluchtsorte brauchen aber ein wenig Stabilität. Sie bleiben dadurch auch länger erhalten und im Gedächtnis – ohne Souveniers. Und manchmal, manchmal eröffnet diese Stabilitöt völlig neue Perspektiven. Man lernt die Welt nicht kennen wenn man durch sie hindurch hastet.

Ein Beispiel? Gerne. Wie Sie sehen, sehen Sie nichts. (Oktober 2016)

Und hier der zweite Blick. Im Mai 2017.

Beim Zeitungslesen.

Hm. Die Verwaltung verzögert die Woba-Gründung, sagt der Fraktionsvorsitzende der Dresdner Linken Stadtratsfraktion. „Die Verwaltung“. (Repräsentanzkonstrukt als Projektionsfläche. Beliebtes Mittel politischer Profilierungskommunikation.)  Gehts auch konkreter? Dann ist es nämlich nicht mehr ganz so einfach mit schwarz weiss und es stellen sich ein paar kleine aber feine Fragen. Leider geht auch der Journalist nicht darauf ein, dass für das Thema Wohnen, Bauen und Beteiligungen (das ist der Geschäftsbereich, der sich mit städtischen Gesellschaften befasst) keine Bürgermeister des „politischen Gegners“ der Linken respektive der rotrotgrünen Stadtratsmehrheit mehr sind? Sondern jeweils den Parteien der Kooperation angehören – fürs Wohnen sogar der Linken.

Ich kenne Stadtratsarbeit so: Wenn mir irgendetwas zu lange dauerte, was wichtig war, bin ich zu den zuständigen Bürgermeistern hin. Und habe gefragt. Es sei denn – und ja, auch das kam vor, es ging mir gar nicht so sehr um schnellere Abläufe, sondern mehr um die Präsenz in den Medien.

Journalisten wissen das, aber die sind ja nun auch keine Stadtratspaten, die anleiten. Trotzdem schade, dass nicht die Frage an Herrn S. aus D gestellt wurde: Haben Sie mal die zuständigen Bürgermeister gefragt, warum das so lange dauert? (Auch hier der Hintergrund: Stadträte können manchmal der Verwaltung auch helfen wenn es irgendwo nicht weiter geht. Hätte man vermuten können in einer Gestaltungsmehrheit.) Kommunizieren Sie nicht mehr miteinander mit ihren Bürgermeistern und in Ihrer Kooperation so dass Sie dazu  die Medien nutzen müssen?“

Da ist vermutlich jemand ziemlich schmerzfrei den politischen Partnern und dem Rest der Welt gegenüber auf der Wahlkampfüberholspur unterwegs. Leider mediengestützt. Die Kooperationspartner können einem leid tun, wer politische Freunde hat, braucht keine Feinde mehr.

 

Transparenz und Regeln

Allein das Zitat „Eine Organisation würde lahmgelegt werden, wenn sich alle Mitarbeiter strikt an die Regeln halten würden, die offiziellen Regeln grundsätzlich immer anwenden, auch in Situationen, in denen dies vielleicht gar nicht so angeraten ist, und auch längst vergessene Regeln wieder reaktiviert würden. Eine Organisation, die ausschließlich nach dem formalen Regelwerk handelt, würde letztlich an ihrer Rigidität zerbrechen. Nicht umsonst gilt der „Dienst nach Vorschrift“ als eine der effektivsten Streikformen“ aus: Stephan Kühl: Das Transparenzparadox- weswegen Organisationen gleichzeitig transparenter und weniger transparent werden können

ist eine Leseempfehlung für sich. Aber auch der Rest des Textes. Mir fehlt leider die Zeit der intensiveren Auseinandersetzung – deshalb einfach nur die Empfehlung: Lesen. Ganz oft ist es so dass der Ruf nach mehr Regeln laut wird. Oder einer stärkeren Überprüfung der Einhaltung, einer stärkeren Sanktionierung von Verstößen. Bei einem Fehlverhalten, bei Konfrontationen mit Ereignissen, auf die man nicht „geregelt“ reagiert hat … die Anlässe sind vielfältig. Aber: Mehr Regeln und mehr Regelüberwachung haben eben zur Folge, dass die Regeln an sich verstärkt in den Fokus der Aufmerksamkeit rücken. Nicht der Zweck, zu dem sie da sind oder gedacht waren. Schnelle Entscheidungen sind so immer weniger möglich. Flexibilität, Eigenverantwortung – Pustekuchen. Es hat eben alles zwei Seiten.

 

Wir evaluieren uns zu Tode

Lautet der Titel einer Dissertation, die sich mit  Möglichkeiten und Grenzen von Evaluationen des Online-Lernens befasst. Passiert selten (höchstens bei Luhmann), aber ich bin ja schlichtweg begeistert. Weil: Es handelt sich um eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema Evaluationen – zwar im Besonderen, aber es sind zumindest hypothetisch Annahmen auf das Thema im Allgemeinen möglich.

Ja, wir evaluieren, begutachten, regeln, verbestimmen, planen und konzipieren uns noch zu Tode. Sehr oft ist das Ganze mehr als die Summe seiner Teile. Wir hätten das aber gerne und noch lieber wär es uns, wenn wir durch Veränderungen der Teile unsere Wunschsumme bekämen und genau wüssten, welches Teil wie verändert werden soll damit die Wunschsumme herauskommt. So funktioniert das aber nicht – weil der Mensch nicht funktioniert. (Maschinen schließlich auch nicht immer).

Mich beunruhigt viel mehr als die Tatsache, dass nichts so wirklich planbar ist und ganz viel nur auf Vertrauen darauf beruht, dass das Morgen schon irgendwie so laufen wird, wie wir uns das vorstellen (näheres dazu vielleicht hier: ) dieses zunehmende Bestreben, alles unter Kontrolle zu bringen und die Überzeugung, dass dies überhaupt möglich ist. Das betrifft Evaluationen, das betrifft aber auch Bereiche wie Management, Organisationsberatungen und so weiter.

Deshalb an der Stelle mal ein paar Empfehlungen (die zeigen, Soziologie ist nicht langweilig)

Stephan Kühl (allein die Buchtitel „Sisyphos im Management“, „Wenn die Affen den Zoo regieren“ und“Regenmacherphänomen“ sind so wunderbar unorthodox)

Sozialtheoristen. Die Sprengkraft soziologischer Beobachtung

Und hier noch was für die Bildungsmenschen:

Peter Baumgartner. Gedankensplitter. Zu Elearning und Didaktik

Gabi Reinmann

Jedenfalls: Keine Angst vor Evaluationen falls mal wieder eine droht. Man kann den Evaluatoren ja mal ein paar Fragen stellen…

 

 

Der Menschheit Würde

So lautet der Titel des Werkes, das eigens für den 50. Geburtstag der Philharmonischen Chöre komponiert wurde.

Als ich die Noten in die Hand bekam, schaute ich zwei Mal hin, irgendwie konnte ich es kaum glauben. Sofort hatte ich ein Bild vor Augen. Ein Bild einer Plane, papyrusweisse Schrift auf dunkelblauem leicht ins Petrol driftenden Grund. Sie ersetzte zeitweise die Werbung auf der Bauplane am Kulturpalast. Erstmals hing sie zu Beginn des Jahres 2015, dem Jahr nach dem Aufkommen von Pegida. In einer Zeit, in der niemand wusste, wie man mit diesem Phänomen so richtig umgehen sollte, gezeichnet von überbordender politischer Korrektheit, die in Untätigkeit ihren Niederschlag fand.

Der 13. Februar ist in Dresden immer ein besonderer Tag und die Bilder der Montagsspazierer hatten uns zusätzlich geschadet, es sollten jedenfalls andere Bilder von Dresden ausgehen. Den Krakeelern auf den Plätzen sollte etwas entgegengesetzt werden, was an das erinnert, was das Menschsein ausmacht. Damals – noch Angestellte der städtischen Tochter, deren Logo auch auf dem Banner steht, hatte ich ziemlich direkt mit dieser Aktion zu tun. Und erinnere mich sehr gut daran, dass es alles andere als einfach war, bis die Plane hing. Kann man, geht das, als städtische Tochter ein politisches Statement und welches und machen dann auch alle mit … Ich bin auf nicht viel stolz aus meiner Zeit dort, aber darauf schon: Es wurde wahr und die Plane hing.

Ich persönlich war für die Variante blau auf weiß, der Kollege aus dem Kulturamt überzeugte mich aber und es war gut so. So sah das Teil dann aus:

Quelle: Dresdner Philharmonie (Aufnahme zum Richtfest)

Weithin sichtbar über den Altmarkt. Heute ist sie schon fast vergessen, aber sie hatte es sogar in den Spiegel geschafft. Immerhin. Das war übrigens der 13. Februar an dem Helma Orosz sagte, Dresden war keine unschuldige Stadt und Dresden war nicht nur Opfer. Der Mensch ist vergesslich.

Nun – das Stück „Des Menschen Würde“ ist modern, es ist kantig, es ist eckig und es ist erstmal auf den ersten „Hörer“ überhaupt nicht harmonisch. Als Sänger liebt man sowas nur bedingt. Insbesondere, wenn die anderen Stimmen oder – noch schlimmer – das Orchester etwas ganz anderes tut als man selbst, man gegeneinander ansingt oder musiziert. Bei dem Stück aber ist es genau richtig so. Ich sehe beim Singen Bilder vor mir. Die Eröffnung des Monument. Die krakeelende bedauernswerte alte Dame, die meinte mir am 2. Oktober das Handy aus der Hand schlagen zu müssen. Die, die allwöchentlich ihren Lebensfrust damit bewältigen wollen, in dem sie Rattenfängern hinterherlaufen. Und ich sehe machmal auch den Plenarsaal. Das Orchester zeigt in Tönen das, was momentan passiert. Hier und überall. Nicht nur in Dresden – leider muss man das immer wieder betonen. Ich habe keine Ahnung ob der Komponist sich das dachte, was ich höre aus seine Werk. Das ist aber auch egal. Es passt in diese Zeit und nach Dresden so gut wie selten etwas passt.

Der Menschheit würde ist in eure Hand gegeben. Bewahret sie. Sie sinkt mit Euch, mit Euch wird sie sich heben.

Eine Stelle gibt es, an der wird das Stück sehr still. Nur noch ein Herzschlag ist zu hören. Eine Mahnung. Das Konzert ist fast ausverkauft. Das ist zu wenig, nur dieses eine Konzert, finde ich. Aber manchmal hat man einen Wunsch frei. Mein Wunsch ist, dass dieses Werk ein Teil von Dresdens Kultur wird.

 

Angst

Anlass für den Text – eine Pressekonferenz. Die Stadt benötigt weniger Geld für die Kosten der Unterkunft. Also Unterstützung für Menschen, die sich ihre Miete nicht leisten können. Warum der geringere Bedarf? Weil es nicht ganz so viele Menschen sind, weil weniger Menschen in so prekärer Lage leben, weil man pessimistischer geplant hat. Im Grunde steht die Stadt gut da.

Nehmen wir diese Dinge, das, was gut ist, was positiv macht, eigentlich noch wahr? Es ist eine Binsenweisheit, dass eine positive Einstellung zum Leben (damit ist keiner dieser Thinkpositiveratgebersolgans gemeint! Sondern eine realistische Weltsicht) Menschen sich anders verhalten lässt als Angst, Verunsicherung, Misstrauen.

Es wundert jedoch nur bedingt dass Unzufriedenheit sich breit macht, Misstrauen gegenüber allem was „von oben“ kommt, was auch immer damit gemeint ist, gegenüber der Presse, Politik, Fremden. Und ich bin fest davon überzeugt dass Politik und Medien hierfür einen Gutteil verantwortlich sind. Nein, das wird keine Medien- oder Politikerschelte. Sondern das Problem ist „systembedingt“. Es stehen Wahlen an, Wahlen sind ein Grundpfeiler unserer Demokratie, wir können wählen, wer unsere Politik bestimmen, wer regieren soll. Wer wählen will, muss sich entscheiden. Wer gewählt werden will, muss einen Grund liefern, warum. Vor allem wenn mit einer Wahl eine Veränderung herbeigeführt werden soll. Es muss also bewiesen werden dass der Status quo veränderungswürdig ist, dass etwas verändert werden muss, dass etwas nicht gut ist. Logisch, never change a Running System. Deshalb machen Parteien uns am laufenden Band klar, irgendwas an der Welt, am jetzt, ist schlecht. Sie machen uns auch klar, die anderen sind alle blöd, nicht vertrauenswürdig, unfähig, können es nicht, haben die falsche Strategie, führen ins Elend und  nur die für sich werbende Partei kanns, hat den Stein der Weisen,

Das hat lange funktioniert. Und ich vermute weiter, dass es bei einem Teil gewirkt hat. Das Misstrauen sitzt tief, so tief dass keiner der etablierten Parteien mehr über den Weg getraut wird, ein Teil der Leute ist aber auch die Versprechen leid. Zum einen ist ja wohl logisch dass kein Gesellschaftssystem den Himmel auf Erden und absolute Gerechtigkeit herstellt, es gibt keine Gesellschaftsform ohne Ungerechtigkeit. Aber das ist so weil Menschen eben Menschen sind. Und zwar alle samt und sonders. Zum anderen wurde bewiesen dass es für Opposition nun mal einfacher ist  zu versprechen als dann in Verantwortung diese Versprechen auch einzulösen.

Meine Stadt gilt als zerrissen. Die Verständigung zwischen dem Menschen sei gestört. Wir müssten lernen, wieder miteinander zu reden. Ja, das stimmt. Menschen sind nicht immer einer Meinung und in meiner Stadt kann man aus allem ein Thema machen was die Stadt teilt. Was dagegen tun? Manchmal, wenn ich im Stadtrat auf der Mitarbeiterbank sitze, bin ich froh, dass das öffentliche Interesse so gering ist. Kein gutes Vorbild an Diskussionskultur.

Früher gehörte ich selber dazu. Und ein Journalist verlieh mir mal den Titel Kassandra. Stimmt. Ich habe selbst die Instrumente politischer Profilierung genutzt. Und ja, damit man in der Zeitung erscheint, muss man Botschaften liefern. Möglichst drastische. Kritik. Kassandrarufe eben. Mit Lob der Verwaltung wäre ich als Schul- und Finanzpolitikerin nie ernst genommen worden. Nicht in den Medien, nicht in meiner damaligen Partei.

Wenn mich heut jemand fragt, was wollt ihr gegen die Situation tun, wie wollt ihr Vertrauen schaffen … niemand hat ein Patentrezept und manchmal verlässt mich mein Optimismus. Es wird kein Wundermittel geben. Es ist zu hoffen dass viele Menschen die Verantwortung übernehmen. Selbst übernehmen. Selbst etwas tun. Nicht nur von anderen fordern.

Demokratie ist nicht bequem, das hat aber auch niemand behauptet. Sie beinhaltet Unsicherheiten, es ist eben niemand da „der endlich mal sagen muss, wo es lang geht“. Demokratie bedeutet dass man Menschen eben nicht zu einem Verhalten oder jener Einstellung oder einer Weltsicht oder einer Lebensweise verdonnern kann.

So. Wo waren wir? Bei den Kosten der Unterkunft. Ich erinner mich an einige Haushaltsdebatten auch aus meiner Stadtratszeit in denen mindestens drei mal der Weltuntergang prognostiziert wurde, wenn nicht Summe x. Verunsicherungsfaktor 1. Eingetreten sind diese Szenarien nicht. Verunsicherungsfaktor 2 und der schlimmere von beiden. Man kann sich irren, aber irgendwann einmal werden Warnungen nicht mehr ernst genommen weil nicht unterscheidbar ist, welche sind ernst, welche nicht. Das Überzeichnen von Katastrophenszenarien führt nicht zum Nachdenken sondern eher zu dem Schluss, dass die Kassandras dieser Welt nicht ernst genommen werden  können. Wenn es nun nicht „nur“ die Opposition ist sondern um Positionen in Verantwortung, dann tut das nicht gut.

Politik hat zu lange am eigenen Ast gesägt, das Vertrauen in sich selbst untergraben. Bei den Medien ist das leider ähnlich. Dazu aber später mal.

Einfach?

Manchmal ist es schon bemerkenswert was so passiert. Es wird gekämpft dafür dass Eltern entscheiden, welche weiterführende Schule ihr Kind besuchen soll. Verständlicherweise werden Eltern immer versuchen, ihr Kind möglichst auf einen Weg zu lenken, der nach deren Auffassung der beste ist, die meisten Möglichkeiten bietet – und Bildung ist für die späteren beruflichen Möglichkeiten nun mal nicht unwichtig. Genauer gesagt der Abschluss. Nicht immer dasselbe. Abgesehen davon dass unser Bildungssystem die Abschlüsse entwertet hat natürlich die Entscheidungsmöglichkeit der Eltern die Konsequenz, dass vermeintlich weniger attraktive und aussichtsreiche Schularten abgewählt werden.  Das bedeutet: weniger Schüler. Logisch. Und logischerweise kommt nun die Forderung: Fördert die Oberschulen.

Etwas, was im Grundsatz nicht stimmig ist – und ich rede da von etwas mehr als nur die Tatsache, dass es nach Klasse 4 eine Weggabelung oder ein Sieb gibt, wird jedenfalls davon nicht besser.  Aber – wir wissen, Profilierung ist auch wichtig.

Wie man sich einen Ruf erarbeitet

Früher, also ganz früher, im vorigen Jahrtausend, da wollten meine Eltern uns Kindern Freiraum vom Stadtleben verschaffen. Ein Garten. In Weißig. Also beinahe jedenfalls, in der Nähe des Marienbades. 400 Quadratmeter Kinderparadies mit viel Wald in der Nähe und einem – meinem -Kletterbaum. Nomen est Omen, ich weiss nicht mehr was für ein Baum, aber hochklettern konnte man. Nun, es war alles schön, meistens verbrachten wir die Tage auf dem Fahrrad, im Wald, im Bad, draußen.

Es gab einen Wermutstropfen. Nicht der Maschendrahtzaun. Aber sowas ähnliches. Unsere Nachbarn ringsum hatten die Angewohnheit, neue Pflanzen direkt auf die Grundstücksgrenze zu setzen. An sich kein Problem, aber bei 400 Quadratmetern ist das doof, vor allem wenn es sich um Nadengehölze und größere Sträucher handelt. Alle Pflanzenfreunde, Stadtbegrüner, Umweltschützer und ehemalige Parteikollegen lesen jetzt mal weg. Jedenfalls schimpften die Erwachsenen ziemlich viel. Und meinten, „da müsste man mal“ … denen die Meinung sagen, die Heckenschere nehmen …

Der andere Nachbar, auch noch dienstlich mit meinen Eltern verbandelt und dummerweise eine Hierarchiestufe höher, pflegte unseren Garten gern als Weg zu nutzen. Kann man mögen, muss man nicht. Auch da – man müsste mal …

Eine ganze Weile hörte ich mir das stillschweigend an. Die Pflanzen wuchsen, der Trampelpfad verfestigte sich, die Erwachsenen regten sich weiter auf. Zu den Nachbarn aber sagte niemand was. Eines schönen Tages – ich hatte mal wieder einen Anti-Unkrauteinsatz hinter mir, habe ich Heckenpflanzen genau dahin gesetzt wo der Weg war – und griff zur Heckenschere an der Grundstücksgrenze. Fein säuberlich. Einer muss ja mal – machen was kein anderer machen möchte. Sagen was kein anderer sagen möchte. Klären, was kein anderer klären möchte.

Es gab Ärger, natürlich, aber das ist manchmal so. War mir nicht wichtig. Das Problem war bereinigt. Und das blieb so. Bis heute. So erarbeitet man sich seinen Ruf.