Wertschätzung

Soziale Wertschätzung.  Meint die Bewertung von Eigenschaften und Fähigkeiten einer Person innerhalb des kulturellen Selbstverständnisses einer Gesellschaft. Honneths Theorie der Anerkennung und die Relevanz von Achtung und Wertschätzung  für die pädagogische Praxis ist mittlerweile fester Bestandteil in den bildungs- und erziehungswissenschaftlichen Debatten.

Dachte ich.

In der Bildungspolitik nicht. Jedenfalls nicht in Dresden.

Zum Nachlesen:

Honneth, A. (2016). Kampf um Anerkennung: Zur moralischen Grammatik sozialer Konflikte ; mit einem neuen Nachwort (9. Auflage). Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft: Vol. 1129. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Helsper, W., Sandring, S., & Wiezorek, C. (2005). Anerkennung in pädagogischen Beziehungen. Ein Problemaufriss. In W. Heitmeyer & P. Imbusch (Eds.), Analysen zu gesellschaftlicher Integration und Desintegration. Integrationspotenziale einer modernen Gesellschaft (pp. 179–206). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

 

 

Aufklärungsministerium

Ein Heimatministerium. Das klingt entweder rückständig nach Traditionsmief, Oktoberfestbier und Folklore, also Kölnisch Wasser, oder es klingt nach Heimatschutz als Behörde, so wie es der „andere“ große Bruder uns vormacht. Nicht fortschrittlich jedenfalls und es klingt nach ziemlicher Konfusität in der Regierungsbildung. Es tut nie gut wenn man kopflos das Würfelspiel „Such dir mal ne Aufgabe“ spielt und einfach mal Ressorts festlegt ohne Plan und Struktur dahinter.

Aber: wäre ein Digitalministerium mehr Plan und mehr Struktur? Digitalisierung wird drastisch unsere Welt verändern! Wir müssen uns fit machen für die Digitalisierung! Digitalisierung, die große Herausforderung! Oooookkkkkkaaaaaaayyyyy … also überrollt uns die Digitalisierung wie eine Naturkatastrophe, wie Klimawandel oder Grippewelle oder wie Götter, die es zu beruhigen gilt? Manchmal, aber nur manchmal, verwechseln wir Strategie und Ziel. Mittel und Zweck. Bock und Gärtner. Digitalisierung passiert doch nur weil Menschen das wollen. Sie ist keine übernatürliche fremde Macht, die uns einfach so überkommt und der wir uns stellen müssen. Umgekehrt wäre der Schuh richtig angezogen. Zu fragen, wo brauchen wir Digitalisierung und wann und warum. Und wie wollen wir sie gestalten, wann wollen wir sie überhaupt. Unbequem. Aber in jedem Falle besser. Allerdings möglicherweise mit der Frage diverser anderer Entwicklungen verbunden. Und dann nähern wir uns nämlich langsam der Frage, ob wir mal eine neue Aufklärung bräuchten. Raus aus der Selbstsklaverei. Ob Globalisierung, Digitalisierung … es werden Entwicklungen so verkauft (!) als ob sie Naturgewalten wären, von uns nicht beherrschbar. Die Entmachtung des Menschen durch sich selbst. Cui bono. Und wenn man sich darüber im Klaren ist, wem nützt es, wem soll es nützen, dann ist man schon einen ganzen Schritt weiter.

Digitalisierung braucht kein eigenes Ministerium. Vielleicht brauchen wir vielmehr mal ein Menschenministerium. Welches sich der Frage widmet, Wozu das alles? Ein Ministerium für Aufklärung.

Frieden

Manchmal wird man gezwungen, die Dinge mit ein wenig Abstand zu betrachten. Und so sehe ich den 13.2. etwas unverhofft als Zuschauer. Wie oft lese ich „Frieden“. „Gedenken“. „Nie wieder Krieg“. Und frage mich, wie oft spielt der Gedanke an Frieden, der Wunsch nach Frieden an den restlichen Tagen des Jahres eine Rolle und wie ernst ist es uns damit?

 

Es läuft ja trotzdem …

Es liefert Potential zu einem satirischen Theaterstück, dieses Tänzchen um die Regierungsbildung. Das Lachen bleibt aber im Halse stecken, weil offenbar niemand in der Lage ist, einmal die drei Schritte weiterzudenken, dass eine geschäftsführende Regierung eben nicht die Funktionsfähigkeit eines Staates sichert und dass auf Dauer eben nicht, wie der ehemalige Geschäftsführer eines Energiekonzerns kürzlich meinte, die Wirtschaft ganz gut ohne Regierung leben kann. Kleines Beispiel: Der Shutdown in den USA. Mit einer teilweise erschreckend selbstgerechten Überheblichkeit wird dies in den Medien dargestellt. Liebe Menschen, auch wir haben einen vorläufigen Haushalt.

Lesebildungsempfehlung hier:

„Wird das Haushaltsgesetz nicht rechtzeitig zu Beginn des Haushaltsjahres verkündet, darf die Bundesregierung nur Ausgaben leisten, die nötig sind, um die Verwaltung aufrechtzuerhalten und rechtliche Verpflichtungen zu erfüllen (Artikel 111 Grundgesetz). Grundsätzlich dürfen nur Maßnahmen fortgeführt werden, die bereits begonnen wurden. Es können also keine neuen Programme oder neue Investitionen auf den Weg gebracht werden. […] Grundlage und Obergrenze bildet ab Januar der Haushaltsentwurf 2018, den das Bundeskabinett im Juni 2017 verabschiedet hatte. Sachausgaben dürfen bis zu 45 Prozent seiner Höhe geleistet werden. “
https://www.bundesregierung.de/Content/DE/Artikel/2017/12/2017-12-11-faq-haushaltsfuehrung.html

Natürlich „verliert“ jeder, der in die Regierungsverantwortung geht und diese mit Partnern teilen muss. Er verliert deshalb, weil niemals alle Versprechen, die man in einem Wahlkampf macht, (sofort) eingelöst werden können. Das scheitert schon an der Realität, daran, dass Interessenslagen immer mit anderen Interessenslagen kollidieren. Er verliert deshalb, weil Kompromisse immer nötig sind, in der Oppositionswelt aber immer als Schwäche gelten, als ein „Einknicken“. Oppositionswelt meint hier nicht die Oppositionsparteien – der Begriff umfasst auch „die Basis“. Im Parteisprech sowas wie „der Bürger“.

Meines Erachtens hat sich die FDP komplett aus der Politik verabschiedet – ob Christian Lindner nochmal über Jamaika reden will oder nicht ist so bedeutend wie – nein, nicht der Sack Reis in China. Der kann jemandem auf den Fuss fallen, der Reis aus dem Sack rieseln und jemandem Probleme bereiten – es interessiert keinen. Die FDP hat sich selber abgeschossen.

Die SPD muss sich entscheiden was sie sein will und was ihr wichtig ist. Man kann nicht beides sein: Oppositionsführer und Teil der Regierung. Politplautze oder distinguierter Profi.  Und die CDU muss entscheiden was sie sein will. Da sind sich Sachsen und Bayern übrigens sehr ähnlich. Auch die Sachsen haben ihre Seehofers. Kleiner Einwurf: Von einem neuen MP, der sich in den eigenen Reihen erstmal durchsetzen muss, zu erwarten, all die Dinge zu klären, die man selber in vielen Jahren vorher nicht hinbekommen hat – als Koalitionspartner der sich außerhalb der Staatsregierungsmauern eher gern mit Linken und Grünen fotografieren lässt und kooperiert, das ist ein bisschen lächerlich und macht unglaubwürdig. Wenn ich mal viel Zeit habe, analysiere ich die bildungspolitische Verantwortung der SPD.

Nichtsdestotrotz: Wer jetzt die SPD auffordert, nicht in eine Große Koalition zu gehen, der möge eine eindeutige Alternative benennen. Wer jetzt Neuwahlen fordert möge bedenken, dass das Wahlergebnis nicht viel an der Gesamtsituation ändern wird. Die FDP dürte verlieren. Die SPD auch. Ich glaube, dass die Grünen auf Bundesebene zumindest von frustierten SPD-Wählern profitieren könnten, die Linke angesichts des eigenen Streits der Königinnen eher nicht. Ergo stehen die Beteiligten dann wieder vor dem selben Problem. Es werden sich aber – und das sollte man auch bedenken, für Neuwahlen weder die Parteien selbst erneuern (und das müssten sie, wöllten sie tatsächlich für etwas „Neues“, für einen Neubeginn stehen) noch wird es grundlegende Programmänderungen geben oder komplett neue Kandidaten. Es könnte an den Basen etwas rappeln, aber die bisheringen MdBs werden mit sicherheit ihre eigene Existenz nicht abschießen. Warum sollten sie auch, wurden sie doch bisher in den Parteien immer gehypt. Wer jetzt die SPD auffordert, keine GroKo zu bilden, der solle jetzt im eigenen Wahlkampf auch keine Themen aufrufen, die bundeshaushalterische Voraussetzungen haben wie zu Beispiel irgendwelche Programme für Bildung, Integration, Wohnungsbau.

 

 

 

 

Einstens

wird man über die alten Zeiten reden. Über die wunderlichen Menschen. Menschen, die glaubten, sich gegen alle Risiken versichern und alles regeln zu können. Und gleichzeitig meinten, manchmal, als in ganz besonderen Fällen, und also und überhaut, diese Regeln außer Kraft zu setzen. Ihre Regeln aber sagten, dass jemand, der dies dann tut, auch die Verantwortung übernehmen muss. Nun ahnten die Menschen, denn so dumm waren sie nicht, dass man sich nicht gegen alle Risiken versichern kann und dass es, so ahnten sie auch, immer den Fall geben kann, dass doch etwas passiert. Und sie wussten, dass es gar viele dieser Ausnahmen gab. Irgendwie wollte ja jeder eine Ausnahme sein, das eigene Anliegen so wichtig, dass man dafür sich über Regeln hinwegsetzen sollte. Es waren komische alte Zeiten. So komisch, dass sich die Menschen nicht nur teeren und federn wollten, wenn sie Regeln übertraten. Nein, sie stellten auch einen Pranger auf für die, die die Regeln hielten.

Es waren komische Zeiten, damals.

Ausgrenzung

Anonymisierte Bewerbungsverfahren. Das war eine politische Forderung, die mir kürzlich über den Weg lief. Das Ansinnen: Diskriminierung vermeiden. Geschlecht und/oder Herkunft sollte keine Rolle spielen. Klingt gut, auf den ersten Blick? Weit gefehlt. Ein (weiteres) Beispiel, für das Nicht-zu-Ende-Denken politischer Forderungen.

Anonymisierte Bewerbungsverfahren sind Diskriminierung. Warum? Nun – da wäre zunächst mal das Stichwort Bildungsexpansion, die Ausdehnung des Bildungssystems mit einer permanenten Höherqualifizierung (was nicht unbedingt das Klügerwerden heißt sondern sich auf die Zahl und Vielfalt der möglichen erwerbbaren Bildungszertifikate bezieht). Bildungszertifikate sind die Schlüssel zu den Türen des Arbeitsmarktes und folgerichtig sind diejenigen mit weniger Schlüsseln (gleich welche Gründe dies hat, auf die kommen wir spöter) natürlich im Nachteil. Ihre Chancen auf eine Erwerbstätigkeit sinkt – trotz sinkender Arbeitslosigkeit. Weil – auch Tätigkeiten, die eine geringe Qualifikation erfordern, ausgelagert werden – und sei es durch eine sehr niedrige Bezahlung.

Im Rahmen der Bildungsexpansion haben sich natürlich auch die Einstellungskriterien – ob nun für einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz – nach oben angepasst. Denn die Zahl der Arbeitsplätze an sich schwankt weniger als die Bevölkerungszahl. Es gibt ja nicht „mehr Arbeit“.

Natürlich hat sich – und da gibt es kaum einen Unterschied zwischen Ost und West – die Einstellung zur Bildung geändert. Ein niedriger Abschluss fällt auf – so wie früher irgendwann einmal der Abiturient in der Minderheit war, müssen sich heute Eltern fragen lassen, „Was?! Nicht Gymnasium?!“ „Doch doch!!!“ werden sich die meisten beeilen zu beteuern – und das aus Überzeugung. Wollen die meisten Eltern doch für ihr Kind alle möglichen Möglichkeiten offenhalten (egal ob da die Politik wieder meint, man müsse die Oberschulen stärken).

Ein niedriger Abschluss wird – es gibt ja alle Chancen und alle reden von Chancengleichheit, die es nicht tun, meinen, dass nun mal Leistung zählt – demjenigen angelastet, der ihn hat. Rum wie num. Es bedarf schon einer intensiven Befassung mit dem Bewerber mit schlechterem Abschluss, wenn man ihn vor anderen mit besseren und mehr Bildungszertifikaten bevorzugt. (Ich habe das übrigens gemacht und mich darauf eingelassen – und ich bin froh, dass mir dazu die Chance gegeben wurde. Es war die bisher beste Entscheidung als „Chef“).

Bevorzugen – das klingt nach Ungleichbehandlung und diesen Verdacht scheuen alle wie der Teufel das Weihwasser. Verständlich in Zeiten der Hochkonjunktur von Gleichstellung. Leider ist das Ganze etwas komplizierter und nicht durch Anonymisierung zu händeln. Denn: Wir wissen auch dass BIldungsabschlüsse von ein paar mehr Faktoren abhängen als von temporärer Faulheit oder dem Intellekt. Der soziale Status ist als ein Hauptfaktor für Bildungsbenachteiligung identifiziert. Ein Rezept dagegen gibt es nicht. Noch nicht. Vielleicht ist bisher ja auch der Hebel am falschen Punkt angesetzt worden. Nicht die Bildung benachteiligt, sondern der soziale Status. Ergo müssten bestenfalls Bildungsmaßnahmen versuchen, diesen Nachteil auszugleichen – und zwar konsequent. Ich lasse den Satz jetzt mal so stehen.

Eben deshalb sind anonymisierte Bewerbungsverfahren ein Risiko. Ein Risiko für die, die ohnehin benachteiligt sind.

Schnee

Es klang ja schräg. Skicup am Elbufer. Ob das nun Spaß macht, bei knapp über Null im feuchten nebligen Wetter über nasse Eiskügelchen, darüber kann man geteilter Meinung sein. Man kann auch über Skizirkus und Profisport im Allgemeinen geteilter Meinung sein. Oder über Events im Allgemeinen.

Was aber völlig bekloppt (Entschuldigung) unsachlich, unsinnig,  unglaubwürdig ist, das ist diese Hysterie. „Was erlaube sich Dresden da!“

Nette Nebenepisode: Da twittert eine Journalistin des öffentlichen Rundfunks, der Schnee müsse aus dem Fichtelgebirge (!) herangekarrt werden. Wenn man nichts zu sagen hat, oder keine Ahnung, dann soll man besser den Mund halten, wusste schon Klopfer.  Der Schnee kam zum Teil vom Fichtelberg, also echt regional eingekauft, und der große Rest entstand in Klotzsche. Vielleicht spendet der Skiverband oder die DMG der Dame mal einen Atlas.

Realsatire ist die Aufregung um die Frage der – Achtung – Nachhaltigkeit aber schon. Und hier zitiere ich mal einen ehemaligen Fraktionskollegen :

Grundsätzlich finden ich einen Diskurs in der Sache sehr wichtig. Allerdings sollte man vorher sich grundsätzlich mit der Problematik Wintersport in unseren Breitengraden auseinandersetzen. Wenn die hier geäußerte Kritik ehrlich gemeint ist dann sollte konsequenterweise jede Form von Wintersport abgelehnt werden. Erinnern wir uns einmal wie Wintersport entstand. Eishockey, Eiskunstlauf, Eisschnelllauf fand auf zugefrorenen Seen und Flüssen statt. Heute baut man dafür riesengroße Hallen und Freiluftanlagen und kühlt mit Ammoniak. Skispringen machte man von natürlichen Hügeln mit aufgeschütteten Schneebergen als Absprung. Heute werden dafür Berge gesprengt und zubetoniert. Bob und Rennschlitten fuhr man auf Natureisbahnen. Heute werden dafür Betonschlangen in die Landschaft gebaut und auch hier wird mit Ammoniak gekühlt. Und nun zum Langlauf und Biathlon. Glaubt ein jeder wirklich das da einfach nur durch den Wald gelaufen wird. Man schaue mal nach Oberhof oder nach Altenberg oder in andere Skigebiete. Hier werden mit gigantischem Aufwand ganze Skistadien gebaut, hier werden Strecken planiert, hier werden stationäre Beschneiungsanlagen gebaut. Meckert da jemand über die ökologischen Auswirkungen. Man kann den Wintersport kritisieren, aber ich erwarte von einer Landtagsabgeordneten dann die konsequente grundsätzliche Kritik. Insbesondere auch am Eissport in der eigenen Stadt.“

Richtig. Denn die grundsätzliche Kritik – so wird nämlich deutlich, was der Gegenstand der Kritik ist, die scheut man in dieser Diskussion. Wohl nicht ganz ohne Grund. Denn, machen wir doch mal weiter. Beim Wintersport, dem ganz privaten. Jeder, der in den Skiurlaub fährt um dort  mit einem Lift den Berg hoch- und eine möglichst noch kunstbeschneite, vorher von Bäumen und anderem natürlichem Unbill befreite Piste runterzubrettern, gehe in sich, halte die Klappe und buche einen Wanderurlaub und schaut sich mal ein Skigebiet im Sommer an.

Die öffentlich-rechtlichen recherchieren hoffentlich bei den nächsten Wintersportwettkämpfen die komplette (!) Umweltbilanz einschließlich des Energieverbrauchs durch twitternde Journalisten und Doppelpräsenz beider Anstalten. Wie ist eigentlich die Umweltbilanz des öffentlich-rechtlichen Rundfunks…? Genug der Unsachlichkeit.

Es geht nicht um das Kinderspiel, wenn der kann, dann will ich auch. Es geht um diese unsinnige aufmerksamkeitsheischende punktuelle Hysterie. Und es wird deutlich: es geht um (politisch motivierte) Aufmerksamkeit. Mit Nachhaltigkeit hat das nichts zu tun.

 

Der Fluch der Kommunikation

Es wird momentan sehr viel geredet über Kommunikation. Deren Rolle und Bedeutung. Man müsse kommunizieren. Aber es muss auch irgendwas dabei rauskommen. Etwas Abrechenbares möglichst. Aber: Was soll das sein? Das Ende von Kommunikation?

Die Krux sich ein wenig mit Soziologie zu befassen ist, es laufen einem ständig Paradoxa über den Weg. Nehmen wir mal eine Stadt. Oder eine Gesellschaft. Eine gespaltene Gesellschaft. Oder eine zerrissene. Worüber reden wir da eigentlich. Zunächst: Es gibt keine Gesellschaft (gab es auch nie) in der alle gleich sind, gleich denken, keine gegensätzlichen, konkurrierenden Interessenslagen haben, einander gewogen sind, gleich aussehen. Es gibt keine Gesellschaft ohne Unterschiede. Es kann auch nicht Ziel sein – denn das bedeutet Gleichmacherei. Gleichschaltung. Den Verlust des Wertes des Einzelnen, der Einzigartigkeit. Der Individualität. Es gibt also in jeder Gesellschaft Grenzen, Risse, Spalten, Mauern, wie auch immer man sie bezeichnen mag, diese Linie der Unterscheidung. Ein Unterschied bedarf einer Unterscheidung. Klingt profan, ist es aber nicht. Nur wenn ich unterscheide, nehme ich Unterschiede war. „Mache“ einen Unterschied.  Unterscheide ich nicht, mache keinen Unterschied, dann sind Unterschiede nicht existent. Klingt nicht mehr ganz so profan, ist aber nachdenkenswert. Vor allem wenn man über Integration, Inklusion oder auch Diversity und Diversity Management spricht. Und  – welche Bedeutung haben Unterschiede.

Reden wir aber mal von den sozialen Unterschieden. Es gibt mittlerweile sehr viel Forschung darüber, aber: es kommt im Grunde immer nur auf den sozialen Status an. Beispiel?  Jemand, der die Sprache eines Landes nicht beherrscht, ficht das nicht an wenn er sich zum Beispiel im Raum der Forschung, der Wissenschaft oder der Wirtschaft bewegt. Also das Einkommen und das soziale Umfeld komfortabel ist. Für Menschen mit Beeinträchtigungen gilt das Gleiche. Fehlende „Schlüssel“ zum System aber, wie Bildungsabschlüsse (wohlgemerkt anerkannte Abschlüsse) führen zu sozialer Benachteiligung – und die kann sich dann sozusagen in einen Exponenten verwandeln. Dann werden Beeinträchtigungen zum Problem.

Bildung allein aber garantiert keine soziale Sicherheit. Wer das erzählt, glaubt auch an Einhörner. Selbst das Schlagwort Chancengleichheit ist Selbstbetrug. Ich wage die These (und ich bin damit nicht alleine unter den Bildungswissenschaftlern) dass unser heutiges System viel brutaler siebt, differenziert, platziert, als wir das wahrhaben wollen und propagieren. Brutaler weil subtiler. Aber zurück zur Kommunikation. Natürlich gibt es Grenzlinien in einer Gesellschaft. Gespalten oder zerrissen aber ist die Gesellschaft nicht. Das wäre sie wenn Kommunikation abbräche. Differenzierter ist sie geworden. Weil Kommunikation stattfindet. Ein kleines gedankliches Experiment. Stellen wir uns mal vor, Kommunikation wäre sowas wie „atmen“ fürs Gehirn. Wir haben alle einen Atemreflex. Geht nicht ohne. Und ohne Kommunikation geht es auch nicht. Wir sind zwar (noch) nicht fremdgesteuert, aber auch nicht absolut autonom, das liegt nun mal darin dass der Mensch ein soziales Wesen ist und ohne seine Umwelt nicht auskommt. Auch wenn man das manchmal gerne würde. Ohne Kommunikation wäre die Menschheit längst ausgestorben. So einfach ist das. Und deshalb ist Kommunikation auch so „gestrickt“, dass sie nicht aufhören will. Erfolgreiche Kommunikation bleibt anschlussfähig. Sie ruft neue Kommunikation hervor. Insofern ist ein Streit dann ein konstruktiver, wenn er sich fortsetzt. Selbst wenn die Tür knallt. Das Bedürfnis hinterherzubrüllen zu unterdrücken ist mindestens genauso schwer wie Luft anhalten.

Und das mit der Einigung? Dem Aussöhnen? Juli Zeh hat in einem ihrer Bücher mal den klugen Satz gelesen: Jeder Mensch lebt in einem Universum, in dem er von morgens bis abends recht hat. Eine Haltung ändern, umdenken, das ist unheimlich scher (sonst würden nicht Heerscharen von Menschen davon leben, Ratgeber zu schreiben wie man abnimmt, endlich Sport treibt, endlich gelassener wird, „klug denkt“ oder richtig handelt – wobei letztere meistens der größte Blödsinn sind, nichts hilft und nur der Selbstbestätigung dient). Kommunikation kann nicht überzeugen. Das erfordert erhebliche Veränderungen im Gehirn (und nein, hier ist keine flache Beleidigung gemeint, das ist ernst.) Leider.

Also: Wenn beim miteinander Reden herauskommt, dass weiter und immer mehr miteinander geredet wird, ist das Ziel erreicht. Und irgendwann und irgendwie wird sich dadurch auch die Gesellschaft verändern. So wie schon immer. Nur ist das eben nicht wirklich plan- oder steuerbar, so sehr wir uns das auch wünschen.

 

 

Paradedox

  • Entscheide dich selbst! (Aber: Nur so, wie wir es dir erlauben
    und wir es für richtig halten.)
  • Sei proaktiv! (Aber: Nur soweit, bis wir dir contra geben.)
  • Handle unternehmerisch ! (Aber: Bitte doch nicht so …)
  • Optimiere deine Prozesse! (Aber: Bitte nicht soweit,
    dass es andere in ihren Prozessen berührt.)
  • Schneide alte Zöpfe ab! (Aber: Störe ja nicht die Unternehmenskultur.)
  • Trete mutig gegen alte Denkgewohnheiten an! (Aber:
    Bitte nicht gegenüber dem Finanzdirektor.)

Was Stefan Kühl hier https://pub.uni-bielefeld.de/download/2916610/2 in seinem Text „Jeder ein Unternehmer“ beschreibt, gilt nicht nur für Unternehmen, sondern auch – oder gerade – für andere Organisationen. Zum Beispiel Verwaltungen. Sie stehen möglicherweise noch mehr als Unternehmen vor diesem Paradox etwas sein zu sollen, was sie nicht sein sollen.  Kreativität versus geordnete Prozesse. Pragmatismus versus Gleichbehandlung, Rechtssicherheit, Überprüfbarkeit. Tempo versus bestmöglichste Abwägung. Demokratie versus Durchstellen. Anregung zum Nachdenken.

Phantasialand?

Eine Leseempfehlung, vor allem all denen wärmstens ans Herz gelegt, die meinen, Digitalisierung sei ein Allheilmittel, das Ziel, der Sinn.

„Schwerlich werden Organisationen der Versuchung widerstehen können, die Potenziale der Digitalisierung zu nutzen und die Automatisierung voranzutreiben. Aber jede Transformation, erst recht die digitale, braucht das Wissen um die nicht intendierten Folgen des Organisierens.
Steuerungsphantasien durch digitale Prozesse sind fehl am Platze. Die Digitale Transformation braucht organisationskluges Entscheiden. Und die Erkenntnis, dass Technik es nicht richten wird.“
http://www.uni-bielefeld.de/soz/personen/kuehl/pdf/Working-Paper-13_2017-Buechner-Muster-Kuehl-2017-Ironie-der-Digitalisierung-mit-Literatur-03.07.17.pdf