„Das wird deutlich, wenn man Protestbewegungen als autopoietische Systeme eigener Art versteht und den Protest als ihr katalysierendes Element. Der ein Thema herausgreifende Protest ist ihre Erfindung, ihre Konstruktion. … Gegen Komplexität kann man nicht protestieren. Um protestieren zu können, muß man deshalb die Verhältnisse plattschlagen. Dazu dienen die Schemata und vor allem die Skripts, die sich in der öffentlichen Meinung mit Hilfe der Massenmedien durchsetzen lassen. … Der Protest inszeniert „Pseudo-Ereignisse“, das heißt: Ereignisse, die von vornherein für Berichterstattung produziert sind und gar nicht stattfinden würden, wenn es die Massenmedien nicht gäbe. … Schon in der Planung ihrer eigenen Aktivitäten stellen die Bewegungen sich auf die Berichtsbereitschaft der Massenmedien und auf Televisibilität ein. … Widerstand gegen etwas – das ist ihre Art, Realität zu konstruieren. … Nichts spricht dafür, daß die Protestbewegungen die Umwelt, seien es die Individuen, seien es die ökologischen Bedingungen besser kennen oder richtiger beurteilen als andere Systeme der Gesellschaft.“ Niklas Luhmann. Die Gesellschaft der Gesellschaft

„In einer langen Geschichte hatte die Beschreibung des sozialen Lebens der Menschen (man kann für ältere Zeiten nicht ohne Vorbehalte von „Gesellschaft“ sprechen) sich an Ideen orientiert, denen die vorgefundene Wirklichkeit nicht genügte. Das galt für die alteuropäische Tradition mit ihrem Ethos der natürlichen Perfektion des Menschen und mit ihrer Bemühung um Erziehung und um Vergebung der Sünden. Es gilt aber auch noch für das moderne Europa, gilt für die Aufklärung und für ihre Doppelgottheit Vernunft und Kritik. Noch in diesem Jahrhundert wird dies Bewusstsein des Ungenügens wachgehalten und mit der Idee der Moderne verknüpft. Inzwischen hat sich jedoch der Sinn für Probleme aus den Ideen in die Realität selbst verschoben – und jetzt erst ist die Soziologie gefordert“.
Luhmann, Niklas (1997): Die Gesellschaft der Gesellschaft