Vorhersagen

„Je mehr Gleichheitsnormen sich weltweit ausbreiten, desto mehr wird der globalen Ungleichheit die Legitimationsgrundlage des institutionalisierten Wegsehens entzogen.
Die reichen Demokratien tragen die Fahne der Menschenrechte in die letzten Winkel der Erde, ohne zu bemerken, dass auf diese Weise die nationalen Grenzbefestigungen, mit denen sie Migrantenströme abwehren wollen, ihre Legitimationsgrundlage verlieren. Viele Migranten nehmen die verkündete Gleichheit als Menschenrecht auf Mobilität ernst und treffen auf Länder und Staaten, die – gerade4 unter dem Eindruck zunehmender Ungleichheit im Inneren – die Norm der Gleichheit an ihren bewaffneten Grenzen enden lassen wollen.“
Ulrich Beck. Die Neuvermessung der Ungleichheit unter den Menschen. Frankfurt a. M.. 2008, S.15

Glasbruch

– manchmal bleibt nur Sarkasmus.

Ich dachte immer (ist natürlich Quatsch, aber irgendwie muss man einen Anfang finden) Pädagogen wüssten, wovon sie reden, wenn sie von Pädagogik reden. Nein, Frau Kurth, Kinder „zerbrechen“ (welche Wortwahl!) nicht an „den Anforderungen“ einer Schule. So argumentiert es sich einfach und verlagert die Verantwortung an der Stelle völlig zu unrecht auf die Eltern.
Was wollen den Eltern in aller Regel? Das Beste für den Nachwuchs. Und dies nicht aus Jux und Dollerei oder wegen der Nachbarn, Schwiegereltern oder Arbeitskollegen. Nein, in aller Regel wollen Eltern, dass es die Kinder besser, leichter, einfacher haben. Dass ihnen keine Chancen verbaut werden, ihnen alle Wege offen stehen, „etwas zu werden“. Ob der Weg, den Eltern wählen, immer der geeignete für das Kind ist, das eigene Kind manchmal anders eingeschätzt wird was die Fähigkeiten und Entwicklungsmöglichkeiten betreffen, das ist normal. Aber eine Bildungsempfehlung ist auch nicht besser. Zumindest nich die, die auf Zensuren in der Grundschule beruhen.

Wir leben in einer Zeit, die scheinbar unendlich viele Möglichkeiten bietet. So unüberschaubar wie das Angebot an Käsesorten, so vielfältig sind die Bildungswege. Es gab Zeiten, da wurde der Handwerkerssohn Handwerker wie der Vater auch. Dementsprechend hatte das Kind eines Mediziners den elterlichen Weg einzuschlagen. Ungeachtet des Habitus, der nach wie vor die soziale Mobilität begrenzt, so ist Mobilität heute scheinbar kreuz und quer durch die Gesellschaft möglich. Der fatale Fehler: der Glaube an die gerechte Verteilung der Chancen. Versuchen wir das mal aufzudröseln. Theoretisch kann jedes Kind das Abitur machen, studieren, einen Hochschulabschluss erhalten und später einen dementsprechend vergüteten Job bekommen. Theoretisch. Praktisch geht das nicht und praktisch ist das – Achtung – nicht einmal wünschenswert. Gesellschaftlich gesehen. Eine – unsere – Gesellschaft braucht schlicht und ergreifend Menschen mit Abitur und Hochschulabschluss, aber genauso auch Menschen, die nicht studiert haben. Eine – unsere – Gesellschaft kann nicht nur Menschen in wohldotierten Jobs unterbringen, dazu ist sie momentan einfach nicht ausgelegt. Wir tun aber so. Job ist immer Büro. Zur Arbeit fährt man immer im Hellen nach dem Frühstück. Eine Gesellschaft besteht aber nicht nur aus Führungskräften.
Schule hat für die Gesellschaft eine so genannte Allokationsfunktion. Darüber redet niemand gern, besonders die nicht, die das Bildungssystem immer so gern reformieren wollen. Die so tun als könne jedes Kind tatsächlich alles werden. Kann es nicht selbst wenn es könnte.
Somit wird immer mehr Verantwortung auf den einzelnen delegiert. So wie jetzt auf die Eltern. Die logischerweise erst einmal versuchen werden für das Kind den Bildungsweg zu wählen, der die meisten Möglichkeiten bietet. Wenns das Kind nicht schafft, haben die Eltern falsch gewählt. Oder sich nicht genug gekümmert. Oder sonstwas.
Der Appell von Frau Kurth an die Vernunft könnte man als blanken Hohn verstehen, diesen hilflosen Versuch, einen drohenden Run aufs Gymnasium noch abzuwenden. Zum Glück gibts ja die „feinen Unterschiede.“

An den Anforderungen zerbricht ein Kind nicht. Sein Lebensmut, sein Selbstvertrauen, Freude am Lernen, entdecken, all dies zerbricht wenn es erfährt, nicht zu genügen. Wenn es die Verantwortung übergeholfen bekommt für Dinge, die ganz woanders liegen. Es zerbricht an einer ziemlich großen Lüge.

Ausweg? So einfach ist der nicht zu finden. Es gibt ihn nicht.

Zitate

Ich such gern selbst nach Zitaten. Klugen Gedankenkonstrukten, Wortspielen, und irgend was „Wahres“ soll dran sein. Zitate mögen die Leut`. Oftmals dienen sie auch als „Referenz“. Man kann mit Zitaten auch was anderes anfangen. Marc-Uwe Kling und sein Känguru haben mit ihren falsch zugeordneten Zitaten sicher so manchen zum Stutzen, Nachdenken, Lachen gebracht.
Ich nenne mal ein paar Beispiele.
„Je öfter eine Dummheit wiederholt wird, desto mehr bekommt sie den Anschein der Klugheit.“ -Lehman Brothers
„Man muss eine Weile nachdenken, um zu erkennen, dass man unglücklich ist, doch es lohnt sich.“ -Sigmund Freud
„Die dümmsten Schlächter wählen ihre Schafe… nee… dis ging anders. Die dümmsten Schafe wählen ihre Kälber… nee… Die dümmsten Schafe sterben im Schlafe nie… nee… Ach, egal.“ OSCAR WILDE
Das KANN ein nettes Gesellschaftsspiel sein. Das KANN aber auch nachdenklich machen. Nachdenklich darüber, WAS gesagt wird und ob es noch genauso „wahr“, gut und richtig erscheint, stammte das Zitat oder die Aussage oder Meinung von jemand anderem. Beispielsweise in der Politik momentan sehr zu empfehlen. Es bewahrt vorm blinden Hinterherlatschen, vor der reflexionsfreien Übernahme von Slogans, Forderungen, Meinungen, Ansichten, „Postfaktischem“.

In diesem Sinne: „Du denkst auch nur, weil du im Klappentext ein Zitat von Oscar Wilde stehen hast, lesen die Leute dein Buch.“, beschwert sich das Känguru. Ja, sowas machen Leute. Und ich Werbung für die Trilogie. Guten Gewissens. Leute, lest. Keine Zeitungen sondern Bücher.

Manifeste

„Weißt du, was passiert, wenn man sich immer alle Türen offen hält? Dann zieht’s, mein Freund. Dann wird man krank.“ Sprach das Känguru.

Wie recht Du hast, liebes Känguru. Wie recht du hast. Und wie das bei Zugluft so ist, nicht nur derjenige ist betroffen der die Türen nicht zubekommt (oder keine Entscheidung hin). Sondern meistens sind es ein paar mehr Menschen. Die trifft es sogar manchmal, meistens, immer, noch mehr. Keine Entscheidung zu treffen ist im übrigen eine Illusion. Nicht entscheiden ist auch entscheiden. Entscheiden dafür nichts zu tun.

Liebes Känguru, Du warst sehr freundlich mit Deiner Wahl Deiner Worte. Drastischere fand lange vor Dir jemand anderes:

„Es ist nichts erbärmlicher in der Welt als ein unentschlossener Mensch, der zwischen zweien Empfindungen schwebt, gern beide vereinigen möchte und nicht begreift, daß nichts sie vereinigen kann als eben der Zweifel, die Unruhe, die ihn peinigen.“
Johann Wolfgang von Goethe

Ἓν οἶδα, ὅτι οὐδὲν οἶδα.

Wahrnehmung ist selektiv, man hört in einem Vortrag nicht alles, liest in einem Vortrag nicht alles. Wir wären schlichtweg überlastet, würden wir all das an Informationen aufnehmen, was „angeboten“ wird. Das kognitive System muss selektieren. Nach dem was brauchbar ist, mit dem es etwas anfangen kann, nach dem was anschlussfähig an Vorhandene Strukturen ist, weiter anschlussfähig bleibt.
Das Lernen setzt sich zusammen aus Denken, Emotionen, Erinnern. Wichtige Bedingungen sind eigene Motivation, Interesse, eine Vielfalt von Lerntechniken, Lernstrategien, ein ermutigender Kontext und die gesellschaftliche Anerkennung und Wertschätzung des Bemühens zu Lernen. Zum Lernen gehört, den eigenen Lernbedarf auch anzuerkennen, innerlich lernbereit zu sein. Nicht-Wissen an sich aber ist ebenfalls von erheblichem Wert: Wer alles weiß, für den ist Lernen nicht notwendig. Nur der, der sich der Grenzen der eigenen Erkenntnis, der eigenen Unkenntnis bewusst ist, weiß mehr als derjenige, der glaubt, alles zu wissen.
Lernen hängt von der eigenen Biografie ab, von den im Laufe des Lebens entwickelten und erprobten emotionalen und kognitiven Strukturen. Lernen ist aber auch eine Lebenseinstellung, die abhängig ist von sozialen Kontext, wie lernförderlich dieser ist und dabei geht es nicht nur um die Verwertbarkeit von Lernen sondern um Lernen als Lebens-Wert.