Das Gras ist blau

Und Peng. Da knallt die Gesellschaft dem Zentrum einen Vorwurf vor die Füße, der sich gewaschen hat.  Es handele sich nur um ein Instrument, um die Dresdnerinnen und Dresdner über bestimmte Denkweisen zu belehren, so der Vorstand der betreffende Gesellschaft, schreibt eine Zeitung dazu.

Also. Erst einmal unterliegen wir ja im Laufe unseres Lebens ständigen Versuchen, uns über bestimmte Denkweisen zu belehren. Sich belehren zu lassen ist aber eine Entscheidung. Das muss man wollen.

Es ist aber irgendwie für Dresden exemplarisch. Seien wir ehrlich, in unserem schönen Talstädtchen versucht doch jeder jeden zu belehren. Insbesondere darüber wer oder was oder wie Dresden ist.

Ich hatte mal ein sogenanntes Schlüsselerlebnis. 1992 war das, damals als Studentin der Kommunikationswissenschaft an der TU Dresden, hatte ich eine kleine Meinungsverschiedenheit mit meinem Professor und dem damaligen Chefredakteur der SZ, Anlass war irgendeine Veranstaltung zur Presselandschaft und Journalismus in der DDR. Worum ging es? Nun die beiden erklärten mir, sie seien besser – oder überhaupt – in der Lage, Journalismus und Presse in der DDR zu beurteilen und einzuschätzen, weil sie ja ausserhalb des Systems gestanden hätten und damit objektive Beobachter seien. Damals als aufmüpfiger Student war es eher der (nicht mehr so ganz) jugendliche und revolutionäre Trotz, der mich zum Widerspruch anstachelte. Und später genauer dieser Frage nachzugehen. Wie das so ist mit dem Zustandekommen eines Weltbildes. Oder auch Erkenntnis.

Heute ist es nun meine Überzeugung (die, wie ich gelernt habe, auch nicht jeder teilt):  Es gibt ihn nicht, den objektiven Beobachter. Denn weder der Professor noch der Journalist standen außerhalb des Systems. Sondern waren Teil eines anderen, benachbarten Systems, das wiederum ihre Sichtweise prägte.  Und das ist immer so. Jeder Mensch hat seine Sichtweise und findet die gut und richtig. Ich las einmal in „UnterLeuten“ den Satz: Jeder Mensch lebt in einem Universum, in dem er von morgens bis abends recht hat“. Stimmt. Wenn  man sich das vor Augen hält, wird vielleicht deutlich, warum Belehren Abwehrreaktionen hervorruft. Hervorrufen muss. Denn die Überzeugung, dass die eigenen Wahrnehmungen richtig sind, man sich also auf sie verlassen kann – jedenfalls grundsätzlich. Tut man das nicht, hat man ein Problem. Tut man das zu sehr – dann auch.

Wir sehen also, es ist gar nicht so einfach mit den Überzeugungen.

Es gibt niemanden, der immer recht hat. Es gibt auch niemanden, der immer und überall weiß was richtig ist. Wir reden immer so viel über Demokratie, über Kommunikation, über gegenseitige Akzeptanz, über Respekt, über Vielfalt. Aber irgendwie beschleicht mich manchmal das Gefühl, das gilt immer so lange, solange alle anderen die eigene Auffassung, die eigene Weltsicht teilen. Wobei es natürlich schwerer ist, zu akzeptieren, dass andere Menschen anders sind, die Dinge anders sehen, eine andere Sprache sprechen (und das meint nicht die Muttersprache, hier ist die Rede vom Sagen und Meinen.) und vielleicht eventuell recht haben könnten. Wobei es darum bei der Frage wie Dresden baulich gestaltet werden soll, gar nicht geht. (Und irgendwie liegt wohl hier auch die „Wahrheit“ irgendwo zwischen Barockdisneyland und Futurama).