Früher gabs das nicht …

Ein kleiner Rückblick in die Geschichte in das Jahr 1975. Ein Kindergarten in Dresden. Mit klar organisiertem Tagesablauf, Täglicher Beschäftigung, Spielzeit, Mittagsruhe mit Augen zu und still liegen. Aufessen müssen. Gemeinsamem Frühstück, Mittag und Vesper. Meistens im Rahmbutterbüchsen, das erste und das letzte, beschriftet mit F und V. Großem Spielplatz und Wassersprühreifen. Die Kinder stammten aus dem unmittelbaren Wohnumfeld. Nach dem Zuckertütenfest sahen sich fast alle  von ihnen in der Schule wieder. In Nausslitz. Jedoch nicht in der selben Klasse. Rückblickend betrachtet war die Einteilung der Kinder in die Klassen gar nicht so zufällig wie es schien. Man könnte meinen es ging nach Herkunft. Eine Klasse überwiegend bildungsnahe Elternhäuser, die Eltern Lehrer, Schulleiter oder ähnlichen Führungspositionen von denen man auch eine gewisse politische Korrektheit erwartete. Eine potentielle leistungsorientierte Kaderschmiede. Ob tatsächlich so gedacht ist Spekulation, aber klimapröbend war es, Die zweite Klasse eher wirtschaftsnaher Hintergrund. Und eine Klasse die man heute als differenziert bezeichnen würde. Im Verlauf der Schuljahre weichte das natürlich auf durch Um- und Zuzüge, eine Zusammlegung, eine genehmigte Ausreise gab es auch. Erkennbar war es allererdings doch.

Manchmal entsteht der Eindruck, es habe im System der DDR der soziale Status, das Milieu, Statussymbole, das Einkommen keine Rolle gespielt. Als hätte es keine großen sozialen Unterschiede gegeben. War man doch so sicher. Das ist ein ziemlich verklärtes Bild. es gab diesen Druck sehr wohl. Kommen wir zu unserer Klasse zurück, eingeschult 1979. Eigentlich gab es zwei Klassen. Pelikan und Heiko. Bunter Tintenkiller oder grauer Tintenkiller. Wer Verwandschaft in der BRD hatte, war die Oberschicht. Und das wurde mehr oder weniger bewusst gezeigt. Und wenn es die Freundschaftsbücher waren in denen Schokoladenpapierausschnitte geklebt wurde nur um irgendwie zu zeigen: „ich gehöre dazu“. Die einen schauten auf die anderen herab. Was da geschah war den Akteuren damals sicher nicht bewusst. Einkommensunterschiede der Elternhöuser gab es und die waren erheblich. Das zeigte sich in Äußerlichkeiten, das zeige sich im Verhalten zueinander..  Und natürlich der Bildungshintergrund der Eltern spiegelte sich in den Leistungen der Kinder wider.

Die feinen Unterschiede und die Grenzen zwischen den Millieus, es gab sie zwischen diesen 28 Kindern. Und es gab das, was man heute als Mobbing bezeichnet. Es äußerte sich zum Beispiel darin, dass mit einer perfekten Regelmäßigkeit ein Schüler „ausgeschlossen“ wurde.  So nannte man das damals. Das hieß, der Betreffende wurde ignoriert, in seinem Beisein aber abfällig über ihn gesprochen, hinter dem Rücken – natürlich so, dass der Betreffende es wahrnehmen musste – ausgelacht, Sachen versteckt, wenn es die Sitzordnung hergab, wurden auch mal Haare abgeschnitten. Es betraf immer die Schüler, die nicht „dazugehörten“. Der Status verhalf zur Unangreifbarkeit.

Man kann den Lehrern vorwerfen, sie hätten nicht eingegriffen.  Vielleicht taten sie es nicht weil schon damals Lehrer mehr Angst vor den den Eltern als Anspruch an ihren Beruf hatten. Vielleicht ist diese Klasse auch eine Ausnahme und nicht zu verallgemeinern. Aber Anlass genug um die Behauptung anzuzweifeln, dass Schule soziale Unterschiede kompensiert nur wenn man länger gemeinsam lernt. Eine Ganztagsschule wäre für die Kinder, damals nicht zur Oberschicht gehörten, keinesfalls ein Segen gewesen.

Heute sind die Schüler von damals in alle Winde verstreut. Die, die aus der Schule gingen mit dem Gefühl, es stünden alle Wege nach oben offen. Abitur, Studium oder Berufsausbildung mit Abitur und eine aussichtsreiche Karriere. Ja, auch damals war Karriere, ein gutes Einkommen, Wohnung, Auto wichtig. Und die, die aus der Schule gingen mit der Aussicht, nicht dem Traumberuf zu haben, aber irgendwie wirds schon werden.

Heute wird manchmal so getan als seien sozialer Druck, Millieuunterschiede, soziale Ungleichheit allein systembedingt. Und lägen nur an der Gesellschaftsordnung. Da hilft ein verklärter Blick zurück natürlich. Da hilft das Vergessen, da hilft Ignorieren, da hilft Vereinfachung. Aber so einfach ist die Welt nun mal nicht. Die Ursache für Ungerechtigkeit ist nicht ein System. Die Ursache ist der Mensch. Und gefühlte Ungerechtigkeit wird es auch weiter geben, solange es Menschen gibt.

Weil ja nun bald Wahlen sind, gefühlte Ungerechtigkeit  ist DAS Mittel mit dem Wahlkampf gemacht wird. Mache jemandem klar, dass er oder eine ihm näherstehende Gruppe, ein Thema ungerecht behandelt wird, versprich dass du es ändern wirst und du hast gewonnen.