Menschen sind komisch

Sie sind schon komisch, diese Menschen. Sie glauben etwas zu wissen, wollen in ihrer Meinung bestätigt werden und wenn sie die Bestätigung erhalten, dann sind sie auch nicht zufrieden und erwarten dass jemand weiß, wie sich das ändert.

Cut, Subtext: ein paar Stunden zuvor. Podiumsdiskussion zum Thema „Wie frei ist die Presse?“ Anlass war das Gedenken an den 17. Juni 1953. Eine Zeit in der ein totalitäres System eine freie Presse ausschloss. Und das wusste jeder. Ein Land, was sich demokratisch nannte, mit einer Medienlandschaft, die gesteuert war. Und die Konsumenten wussten das. Was taten sie? Begannen nach den versteckten Botschaften zu suchen. Zu interpretieren und zu fragen, was stand da NICHT, was könnte also die eigentiche Botschaft sein. Denn, auch das wusste man, Journalisten nutzten die Möglichkeit, zwischen den Zeilen zu kommunizieren. Subbotschaften. Es gab Dinge die durften nicht gesagt werden. Aber man sagte sie trotzdem. Kommunikation macht so etwas möglich weil sie auf Interpretation beruht. Informationen nie eins zu eins überragen werden. Das hat Vorteile, hat aber auch Nachteile. Nämlich, das was als Information wahrgenommen wird, muss auch für wahr genommen werden, sonst ändert sich ihr Gehalt.

Zurück zu der Frage, wie frei die Presse nun ist. Eine einfache Frage. Kommuniziert wird mit der Frage aber schon der Zweifel daran, dass Presse frei ist. Formuliert man die Frage, ein wenig anders, nämlich „Wie frei ist die Presse wirklich?“ (Naaaaa.?! Wie Isses denn nun, rückt mal raus mit der Sprache!) wird eigentlich kommuniziert, die Presse ist nicht frei. Natürlich ist sie das nicht. Sie ist genausowenig frei von Handlungszwängen wie jede andere  Berufsgruppe. Stille. Empörung! Wie kann das sein!?

Momentchen, Momentchen. Halten wir fest, wir leben in keiner Diktatur. Wir leben in keinem totalitären System und es gibt auch keinen heimlichen Weltherrscher. Ach ja, hatte ich schon gesagt, für Verschwörungstheoriefreunde ist dieser Text ungeeignet. Sind es vielleicht die Mythen und Ideale,  uns immer wieder Beine stellen und für Empörung sorgen wenn sich herausstellt, der Mensch ist eben wie er ist?

Der ideale Journalist recherchiert allumfassend, ist in der Lage seine persönliche Meinung völlig zurückzustellen, objektiv zu berichten und frei von jeglicher Beeinflussung zu sein. Er lässt sich nicht überrreden, überzeugen, freundlich stimmen, oder gar  kaufen.  Persönliche Beziehungen, Empathie spielen bei seiner Tätigkeit keine Rolle. Nur Fakten Fakten Fakten. Liebe Mitmenschen, leider leider gibt es keine solchen Menschen und das ist auch gut so.

Es ist nämlich so dass in den Medien mitnichten nur Fakten kommuniziert werden. Es geht viel viel öfter um Wertungen. Was ist richtig, was ist gut, was ist wichtig, was ist von Interesse. Das heißt, es spielt immer eine Rolle welche Haltung der Journalist hat, es schreibt also einfach gesagt immer auch der Mensch im Journalisten mit. Und das ist gut so. Es ist gut dass Journalisten eine eigene Meinung haben. Wie sonst sollten sie in der Lage sein, Politik kritisch zu begleiten, manchmal auch zu beeinflussen? Und wenn der Mensch immer mitschreibt, dann spielt das auch sonst eine Rolle. Empathie zum Beispiel. Es gibt Journalisten, denen ist es egal wie der sich fühlt, der gerade durch ihre Artikel „zerpflückt“ wird. (Manchen ist es auch egal dass es nun keine geistigen Höhenflüge sind, die Artikel darüber der wievielte Fingernägel irgend einer Botox-Tante abgebrochen ist) Manchen ist das nicht egal. Egal wie, sie sind immer angewiesen auf Quellen. Also Menschen, die Ihnen etwas erzählen. Informationen liefern. Hier kommen wir zu der viel besprochenen Symbiose zwischen Politik und Presse. Natürlich gibt es die. Nebenbei gesagt ist unsere gesamte Gesellschaft eine Symbiose. Politik ist weil sie alle betrifft ( und auf alle angewiesen ist – Symbiose!) auf Öffentlichkeit angewiesen. Presse ist das Medium, welches Öffentlichkeit ermöglicht. Ergo ist Politik auf die Presse angewiesen. Und Presse ist auf Politik angewiesen, Ohne Politik gäbe es keine Presse, das hat etwas mit der „Größe“ der Gesellschaft zu tun. Sagen wir mal so, ein kleines Volk auf einer Insel, von der Umwelt abgeschnitten, braucht keine Presse. Dort macht man auch keine Politik.

Presse und Politik sind aufeinander angewiesen. Reden wir lieber von den Menschen: Journalisten und Politiker sind aufeinander angewiesen.  Sie müssen miteinander reden, der eine um wahrgenommen zu werden in der Öffentlichkeit, um seine Anliegen zu kommunizieren, Dinge zu erreichen. Der andere um etwas zum schreiben zu haben, der erste zu sein der eine Neuigkeit hat, exklusive Infomationen zu haben. Weder Journalisten noch Politiker sind wirklich frei. Nicht frei von Handlungszwängen, nicht frei von Fehlern. Da für beide Gruppen Mythen und Idealtypen durch die Welt gestern, teilweise glauben auch Politiker und Journalisten selbst, dass Sie diesen Idealtypen entsprechen. Menschen sind aber wie sie sind und so sind alle entsetzt wenn man ihnen sagt, dass es nicht so ist,  Wer lässt sich schon gern sagen, dass er Fehler hat und Fehler macht? Na?! Hand aufs Herz und kritischer Blick in die eigenen Augen via Spiegel.

Der idealtypus des Politikers – Cicero und Weber als kleine Lektüreempfehlungen. Kein Politiker ist so. Ist auch nicht schlimm, eigentlich. Menschen sind Menschen und wenn man sich das bewusst macht, dass es also etwas normales ist, wenn Menschen wie Menschen sind, dann wird die Welt auch wieder verständlich. Warum erwarten wir eigentlich von anderen, dass sie besser zu sein haben als wir selbst? Objektiver, empathischer, engagierter, klüger, unbestechlicher, unparteiischer, engagierter, gelassener, entscheidungsfreudiger, durchsetzungsfähiger? Manchmal passieren richtige Fehler, manchmal aber werden auch einfach nur diese Erwartungen, die sich mit Mythen verknüpfen, nicht erfüllt. Der Journalist hat eine andere Meinung, der Politiker kümmert sich um ander Themen. Das dürfen die! Das hat aber nichts mit fehlender Freiheit zu tun sondern ist ja gerade Ausdruck dafür dass wir in jener ziemlich umfänglichen Freiheit leben. Was wir lernen müssen ist, zu unterscheiden. Was ist echtes  Fehlverhalten und was sind einfach nur nicht erfüllte Erwartungen oder Ansprüche. .

Politiker sind in einem Wettbewerb. Um Macht. Um Einfluss. Und die Presse selbst auch. Das fängt beim Journalisten selbst an.  Wer ist der erste an der Quelle? Wird man zu Hintergrundgespröchen eingeladen? Wird der eigene Artikel gedruckt, wird die Zeitung gekauft, stimmt die Auflage, stimmen die Werbeeinnahmen, über die Presse sich finanziert? Was der Leser zahlt ist vielleicht grad mal das Papier. Den Be- zählt werden auch viele von einem Verlag. Die Druckerei. Die Druckmaschinen. Und so weiter und so fort. Und – zwischen Journalisten gibt es  doch genauso auch versteckte Hierarchien. Eitelkeiten, Machtspielchen und Konkurrenzkämpfe. Die gibts auch in Elternvertretungen nebenbei gesagt.

Aber zurück zum Anfang. Warum sind Menschen so entsetzt und empört wenn sich herausstellt, die Welt ist tatsächlich so?  Gerät da das eignete Weltbild durcheinander was man sich selbst zurechtgebastelt hat? Und wie viel spielt da die Geschichte hier in Deutschland eine Rolle. Wie viel davon ist unaufgearbeitete Geschichte. Wie viel davon ist aber auch dadurch begründet, dass Politik und Presse  immer wiedr so tun als entsprächen beide Ihrem Idealtypus? Hat sich da manches verselbständigt? Vielleicht verhilft  die aktuelle Debatte hier zu mehr Selbstreflektion. Lösen wird man das nie.