Erlebnis-Land

„… zwei Euro neunzich verlangen sie dort. Zwei Euro neunzich. Und hier? Das wird jedes Jahr schlimmer. Ich mache das nicht mehr mit! Wir nehmen eine kleine Schale und dann gehen wir wieder!“ So schallt die Stimme einer älteren Dame in bestem Dresdner Elbhanghochdeutsch über die Sträucher. Nein, nicht die , die trotz eindringlicher Hinweise zwischen den abgesperrten Himbeerspaliersträuchern umherschreitet und frei nach dem Prinzip eins ins Körbchen, eins der Waage am Ausgang entziehend, die Qualität der nachreifenden Beeren prüft. Die schwarzen Johannisbeeren sind es, die irgendwo für zwei Euro neunzich (!) verkauft worden sind. Ich tippe mal, es handelte sich nicht um den Kilopreis. Das ältere Ehepaar, inzwischen in den Reihen mit den schwarzen Beeren angekommen, auf der Suche nach einem guten Strauch. „Die sind ja schon leer, die Stachelbeeren waren auch schon alle, unmöglich!“ schallt es übers schwarzgepunktete Grün. Stimmt nicht. Nur die großen, die sind schon weg. Weggetragen in Eimern und Körben, auf dem Weg zur Limonade. „Hier sind noch ganz viele, Ruth!“ die etwas gedämpftere hoffnungsvolle Stimme des Ehegatten. „Neinein, Kurth, hier ist es gut!“. Ein 500-Gramm-Körbchen später der Gatte wieder auf dem Weg zum Ausgang: „Ein paar weniger Beeren sind doch gut einfach nur zum wegessen“ – die belehrende Antwort – „Nein, nach der Kur sind die Roten richtig reif, da wird Saft und Marmelade gemacht und gegessen“.  Beneidenswert. Der Obsthof ist in fester Hand einer Stammkundschaft. Das Gespräch irgendwie exemplarisch, in der Beerenselbstpflücke. Samstagmorgen zwischen acht und neun. Die Menschheit hat sich aus Siedlungen in Städte begeben um später in umzäuntem Gelande Beeren zu pflücken. Einheimisches Obst. Zutiefst verwurzelt hier, aber es soll Kinder geben, die wissen nicht mehr was das ist, eine Stachelbeere. Wenn es sie mal zu kaufen gibt, dann sind sie um vieles teurer als Obst, dessen zu Hause weit weg ist. Oder schwarze Johannisbeeren. Die Wunderbeere. Nur etwas mühsam zu pflücken, besonders dann wenn Heerscharen von Menschen mit der nötigen Zeit emsig ihre Eimer füllten. Aber nein, Superfood muss exotisch sein. Obst vor allem optisch toll und mit genormter Größe.

Die Himbeeren übrigens sind sehr groß. Nur schmecken sie nicht mehr wie Himbeeren schmecken sollten. Die Körbe mit roten Johannisbeeren sind schnell gefüllt. Instagramgeeignete Trauben. Die rechte Freude stellt sich nicht ein. Es war mal sowas wie Kurzurlaub. Erdbeerfelder und Obstplantagen. Aber in Pillnitz sind die Himbeersträucher hinter Gittern, in Borthen die Kirschbäume nur noch Spalierobstausgabe. Genormtes pflückerleichterndes Wachstum. Man fühlt sich selbst wie Spalierobst daneben.

Noch schlimmer die Erlebnisländer. Obststräucher in überdimensionierten Blumentöpfen (!) auf einer Wiese, beinah dem eigentlich natürlichen Lebensraum. Ein Soziologe stellte mal die These der McDonaldisierung auf. Das Känguru sagte es einfacher: Ein Starbucks und ein geschlossener Schlecker. Beerenerlebnisland ist die nächste Ebene. Die Disneyisierte Natur. Und dafür werden dann klaglos astronomische Preise bezahlt. Zweistellige Kilopreise für riesengroße aber geschmacksarme Kulturheidelbeeren. Leute, geht in den Wald und pflückt dort – möchte man rufen. Aber spätestens nach einer Wanderung durch die Sächsische Schweiz verkneift man sich das. Bilder von niedergetrampelten Heidelbeersträuchern, bedeckt mit Getränkedosen und Schokoladenpapier gaukeln durch den Kopf, begleitet von Schlagzeilen wie – Heidelbeeren – das neue Superfood als Gefahr- führt es zur Verstopfung?! (Ja, getrocknet sind die ein gutes Mittel gegen Diarrhoe, frisch jedoch eher das Gegenteil). Aber damit kann der moderne (!) Mensch nicht mehr umgehen.

Ach … und unser Paar vom Anfang … an der Kasse stehend seufzte der Mann, einen Scherz versuchend : „Ich werde wie ein Kind behandelt. Geh nicht da hin, sondern dort hin. Pflück nicht die hellen, die ganz reifen müssen es sein. Mir ist aber das saure lieber.“